»Eine tickende Zeitbombe«

Lassen sich die Scherben eines zerstörten Lebens wieder neu zusammensetzen? Regisseur Chris Kraus findet in seinem Drama  „15 Jahre“ selbst in den dunkelsten Momenten einen Funken Hoffnung.

Filmszene aus dem Drama
Nach ihrer Haftentlassung will Jenny (Hannah Herzsprung) sich an ihrer Jugendliebe Gimmiemore (Albrecht Schuch), die sie einst verraten hat, rächen. Durch eine Castingshow will sie an ihn herankommen. Fortsetzung des Kino- und Festivalerfolgs „Vier Minuten“ von Chris Kraus aus dem Jahr 2006. Foto: Big World Pictures

Das ehemalige Klavier-Wunderkind Jenny sitzt wegen Mordes im Gefängnis, obwohl sie unschuldig ist. Dort nähert sie sich mithilfe einer älteren Lehrerin wieder dem Klavierspiel an. Als der Film „Vier Minuten“ 2006 ins Kino kam, machte er nicht nur die Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung, sondern auch den Regisseur Chris Kraus auf einen Schlag berühmt. 17 Jahre später drehten beide mit „15 Jahre“ die Fortsetzung. Die Handlung setzt ein, nachdem die Protagonistin Jenny von Loeben ihre Haftstrafe verbüßt hat und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Beim Interview in Berlin ist Chris Kraus, der auch als Romanautor Erfolg hat, anzumerken, wie viel ihm das Projekt bedeutet.

ARTE Magazin Wie kam es zu der Fortsetzung?

Chris Kraus Eine Inspiration war für mich François Truffaut, der mit seinen Antoine-Doinel-Filmen sehr nah an seiner eigenen Biografie geblieben ist. So ist das auch hier: In der Frauenfigur steckt viel von mir persönlich. Und so wollte ich die Figur schon immer zusammen mit Hannah Herzsprung weitererzählen. Ich wusste nur lange nicht, wie.

15 Jahre

Drama

Mittwoch, 18.2.
— 22.40 Uhr
bis 19.3. auf arte.tv   

ARTE Magazin Jenny von Loeben ist eine begabte Künstlerin, gleichzeitig erfährt sie viel Leid: Sie wurde von ihrem Stiefvater missbraucht und von ihrer Liebe verraten. Sie saß 15 Jahre lang unschuldig im Gefängnis, verlor dort ihr Baby. Warum kommt es so dicke?

Chris Kraus Weil ich das Leben als so dicke empfinde. Für mich ist die Figur nicht konstruiert, es gibt diese Schicksale. Ich komme selbst aus einer dysfunktionalen Familie, kenne viele Formen von Gewalt und bin acht Jahre in einem Schülerheim aufgewachsen. Dort habe ich exzessiv beschädigte Kinder und Jugendliche erlebt. Mir ist dieses Gefühl von Zwangsgemeinschaft vertraut. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund dieser Figur.

ARTE Magazin Hannah Herzsprung spielt diese gequälte Frau mit bewundernswerter Intensität. Hatten Sie in
„15 Jahre“ andere Regieanweisungen als beim ersten Film?

Chris Kraus Natürlich, denn die Figur hat im Gefägnis reflektiert und sich verändert. Sie versucht, ihre Dämonen zu bezwingen. Der Plot kommt nun dadurch in Bewegung, dass ihr das nicht gelingt, weil es zu einer Begegnung kommt, die sie sich nicht ausgesucht hat.

ARTE Magazin Beide Filme porträtieren auf extreme Weise eine Frau, die ihre negativen Emotionen nicht unter Kontrolle hat. Das sieht man eher selten im Kino.

Chris Kraus Bei „Vier Minuten“ gab es große Widerstände, eine Frau so zu zeigen. Der Film ist anfangs nirgendwo untergekommen. Es war Luc Besson, der ihn für den französischen Markt entdeckt hat, erst über diesen Umweg kam er nach Deutschland.

ARTE Magazin Jenny will sich rächen. Ist das eine Lösung?

Chris Kraus Mein Film ist kein Krimi, sondern ein Melodram. Alle Verletzungen liegen in der Vergangenheit und kommen wieder hoch. Die Figur versucht zwar, sie einzukesseln, aber vergeblich – sie ist eine tickende Zeitbombe.

Filmszene aus
Nach ihrer Haftentlassung arbeitet Jenny (Hannah Herzsprung) als Raumpflegerin. Foto: Big World Pictures

ARTE Magazin Die Musik wirkt wie ein Ventil, mit der die Pianistin Jenny von Loeben sich ausdrücken kann. Aber immer nur kurz, bis die Realität zuschlägt.

Chris Kraus In gewisser Weise kann Kunst Halt geben, das kenne ich von mir selbst. Das bedeutet aber nicht, dass sie uns rettet oder automatisch besser macht. Aber sie kann dazu führen, dass man an sich arbeitet.

ARTE Magazin Jenny lernt einen syrischen ehemaligen Pianisten kennen, dem ein Arm abgehackt wurde. Er ist das Gegenteil von ihr: ein unerschütterlicher Optimist.

Chris Kraus Ohne diese Figur gäbe es diesen Film nicht. Es herrschte Krieg in Syrien, als ich „15 Jahre“ schrieb. Ich bin zufällig auf ein Buch von Aeham Ahmad gestoßen. Er war einst Pianist im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus und hat viel Schreckliches erlebt. Ich empfand ihn als verwandte Seele von Jenny, auch wenn er ganz anders mit seinem Schicksal umgegangen ist als sie. Ich fand es spannend, diese Charaktere aufeinandertreffen zu lassen.

ARTE Magazin Die beiden bewerben sich bei einer Castingshow für Behinderte. Eine eher zynische Angelegenheit …

Chris Kraus Die Show dient als McGuffin, als Element, das die Handlung antreibt. Ich finde es irre, wie manche TV-Unterhaltungsformate vom Leben gebeutelte Figuren recyceln – unter dem Vorwand, dass sie sich selbst verwirklichen können.

Filmszene aus
Zwischen Jenny und dem syrischen Musiker Omar (Hassan Akkouch) entwickelt sich eine zarte Romanze. Foto: Big World Pictures

ARTE Magazin „15 Jahre“ ist durchzogen von Bibelmotiven, von Kirchenmusik. Welche Rolle spielt der Glaube?

Chris Kraus Ich würde eher von archaischen Mustern sprechen, nach denen die Figur handelt. Im Film geht es schon auch um Versöhnung. Wie schaffen wir es, uns selbst und anderen zu vergeben? Ein sehr christliches Motiv. Das ist ein Thema, das mich immer beschäftigt hat, gerade wenn Gewalt im Spiel ist. Für Jenny kommt die Erlösung – oder zumindest die Hoffnung darauf – von außen. Vollkommen unerwartet und gewissermaßen unverdient. Das hat etwas Romantisches.

ARTE Magazin Kurz vor der Premiere ist Ihre Frau Uta Schmidt gestorben, die die Cutterin von „15 Jahre“ war. Ist der Film auch ihr Vermächtnis?

Chris Kraus Sie hat den Film gerettet. Wir haben in der Pandemie-Zeit gedreht, es gab viel Ungemach. Uta hat das Material dank ihrer Kunst zu einem konsistenten Werk gemacht. Auch wenn der Film für mich mit viel Schmerz verbunden ist, bin ich sehr dankbar, dass wir ihn trotz produktionsinterner Verwerfungen so ins Kino bringen konnten, wie Uta ihn geschnitten hat. Das war auch ihr letzter Wille.

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