Die Stimmung war sehr aufgeheizt

Terrorismus Intellektuelle wie Margarethe von Trotta setzten sich ab den 1970er Jahren für inhaftierte RAF-Mitglieder ein. Ihr Sohn Felix Moeller hat über die sogenannten Sympathisanten einen Dokumentarfilm gedreht.

Starkes Profil: Mitte der 1970er Jahre entdeckte Margarethe von Trotta das Filmemachen für sich. Zuvor war sie viele Jahre als Schauspielerin erfolgreich, etwa in „Brandstifter“ von Klaus Lemke.
Starkes Profil: Mitte der 1970er Jahre entdeckte Margarethe von Trotta das Filmemachen für sich. Zuvor war sie viele Jahre als Schauspielerin erfolgreich, etwa in „Brandstifter“ von Klaus Lemke. Foto: Aude de Cazenove / Contour / Getty Images

Unweit von Sacré-Cœur, auf dem Montmarte in Paris: ein gesicherter Eingang, dahinter ein üppig begrünter Hof. Felix Moeller öffnet die Tür zum Seitenflügel, führt hinauf in die Wohnung seiner Mutter Margarethe von Trotta. Gerade ist die Regisseurin von Vorarbeiten für einen neuen Film zurückgekehrt. Wovon er handelt, verrät sie nicht. Nur so viel: Es geht um Frauen. Das ist so, seitdem sie Filme macht. Erfolgreiche, bisweilen kontroverse Filme über historisch bemerkenswerte Frauen. Mal nahm sie sich der Philosophin Hannah Arendt an, mal der sozialistischen Revolutionärin Rosa Luxemburg. Und Gudrun Ensslin, der RAF-Terroristin.

In den 1970er Jahren gehörten von Trotta und ihr damaliger Ehemann, der Regisseur Volker Schlöndorff, zum Kreis derer, die sich mit einigen Ideen der RAF identifizierten und sich für bessere Haftbedingungen politischer Gefangener einsetzten. Rund 40 Jahre später erzählte sie ihrem Sohn in dessen Dokumentarfilm „Sympathisanten. Unser deutscher Herbst“, wie es dazu kam – und wie sie selbst ins Visier der Terrorfahnder geriet.

Frau von Trotta, bleiben die vielen Tagebücher, die Ihr Sohn für den Dokumentarfilm einsehen durfte, nun für immer unter Verschluss?

Margarethe von Trotta: Ich denke, schon. Einen weiteren Film wird er mit
dem Material wohl nicht drehen wollen. Und für andere sind sie tabu.

Felix Moeller: Da gäbe es noch viel mehr zu erzählen.

Auf dem Höhepunkt des deutschen Herbstes, 1977, waren Sie zwölf Jahre alt, Herr Moeller. Wie haben Sie in Ihrem Elternhaus die Geschehnisse wahrgenommen?

Felix Moeller: Schon 1975 gab es ein einschneidendes Erlebnis: die Razzia in unserem Ferienhaus in Italien. Da rückte ein Einsatzkommando mit zwei Helikoptern und etlichen Wagen an. Die Behörden vermuteten, im Haus hätten sich Angehörige der Roten Brigaden versteckt. Gefunden wurde freilich niemand.

Die Sendung auf Arte

Den Dokumentarfilm „Sympathisanten. Unser deutscher Herbst“ gibt es am Dienstag 16.7. um 22:05 Uhr bei ARTE und bis 14.8. in der Mediathek.

Quellenstudium: Margarethe von Trotta und ihr Sohn Felix Moeller in der Pariser Wohnung der Regisseurin.
Quellenstudium: Margarethe von Trotta und ihr Sohn Felix Moeller in der Pariser Wohnung der Regisseurin. Foto: Frank Lassak

Ich hatte große Angst, jemand könnte Volker umlegen

Margarethe von Trotta, Regisseurin, Schauspielerin

Klingt trotzdem beängstigend.

Margarethe von Trotta: Für die Kinder war es halb so wild. Die Beamten haben ihnen sogar vorgeführt, wie gut ihre Hunde ausgebildet sind.

Felix Moeller: Dennoch brannte sich die Razzia bei vielen Menschen ins Gedächtnis ein, da in den TV-Nachrichten darüber berichtet wurde. Nach den Ferien fragten mich einige Mitschüler prompt, ob meine Eltern Terroristenfreunde seien.

Margarethe von Trotta: Vermutlich, weil bei der Razzia eine Pistole entdeckt wurde. Volker hatte sie von einem Freund bekommen, damit wir uns notfalls verteidigen konnten. Unser Haus lag in der Wildnis, und die Gegend galt nicht gerade als sicher. Für die Presse war der Pistolenfund allerdings ein gefundenes Fressen.

In „Die bleierne Zeit“ widmeten Sie sich 1981 der Lebensgeschichte der Ensslin-Geschwister Gudrun und Christiane. Warum?

Margarethe von Trotta: Auf Gudruns Beerdigung im Oktober 1977 hatte ich ihre Schwester kennengelernt. Sie war erschüttert und glaubte, dass Gudrun und die Mitinhaftierten Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in der sogenannten Todesnacht von Stammheim ermordet worden waren.

Die Behauptung ist längst widerlegt.

Margarethe von Trotta: Inzwischen ja, aber seinerzeit nahmen das viele an – auch ich. Schon nach Ulrike Meinhofs Tod 1976 hatte ich mich der von Otto Schily gegründeten Internationalen Untersuchungskommission angeschlossen. Wir wollten beweisen, dass Meinhof sich nicht selbst erhängt hatte.

Das widersprach allerdings der offiziellen Darstellung …

Margarethe von Trotta: … weshalb die Behörden wohl mauerten. Kurz darauf war die Kommission am Ende. Ein Jahr später aber, am Grab von Gudrun, spürte ich, dass Christiane etwas zu erzählen hatte – und eine Zuhörerin suchte.

Für die umstrittene These vom staatlich angeordneten Tod?

Margarethe von Trotta: Nein. Es ging in erster Linie um die Beziehung zu ihrer Schwester, für deren relatives Wohlergehen im Gefängnis sie gekämpft hatte. Auch die Spannungen zwischen den beiden interessierten mich: Gudrun war als Jugendliche angepasst und radikalisierte sich erst, als sie Baader traf; Christiane rebellierte in jungen Jahren viel stärker, schloss sich dann aber nicht dem bewaffneten Kampf an, sondern wählte den Weg durch die demokratischen Instanzen.

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Als engagierte Linke und als Mitglied der Roten Hilfe, die sich für bessere Haftbedingungen von politischen Gefangenen stark machte, sowie als ambitionierte Filmemacherin hatten Sie für die Geschichte sicher ein offenes Ohr.

Margarethe von Trotta: Gewiss. Volker und ich unterstützten die Rote Hilfe seit Anfang der 1970er Jahre. Und spätestens 1975, als unsere Verfilmung des Heinrich-Böll-Romans „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ in die Kinos kam, wusste man, auf welcher Seite wir standen.

Wer wusste das?

Margarethe von Trotta: Diejenigen, für die wir uns einsetzten, aber auch jene, denen unser Engagement nicht passte. Etwa die Bild-Zeitung, die Volker und mich immer wieder an den Pranger stellte. Das war eine infame Kampagne. Als „Die bleierne Zeit“ 1981 in Mailand gezeigt wurde, schrieb die Bild tags darauf, der Film sei ausgebuht worden. Tatsächlich gab es Standing Ovations. Falschmeldungen wie diese, aber auch Diffamierungen waren die Regel.

Felix Moeller hat über die sogenannten Sympathisanten einen Dokumentarfilm gedreht.
Felix Moeller hat über die sogenannten Sympathisanten einen Dokumentarfilm gedreht. Foto: Frank Lassak

Damals war ich glühender Fan von Helmut Schmidt.

Felix Moeller, Historiker und Dokumentarfilmer

Herr Moeller, in „Sympathisanten. Unser deutscher Herbst“ sagt Ihre Mutter, dass sie in den 1970er Jahren die Bundesregierung scharf kritisierte und über die Methoden empört war, mit denen der Staat die RAF bekämpfte. Wie sahen Sie das damals, wie denken Sie heute darüber?

Felix Moeller: Ich war ein glühender Fan von Helmut Schmidt und machte kein Hehl daraus. Zu Hause entbrannten darüber zuweilen intensive Diskussionen. Gleichwohl finde ich die massive Aufrüstung aus heutiger Sicht übertrieben. Streifenpolizisten mit Maschinenpistolen, willkürliche Festnahmen ohne Anfangsverdacht, Berufsverbote aufgrund politischer Gesinnung: für einen demokratischen Staat zutiefst beschämend.

Margarethe von Trotta: Und überaus einschüchternd. In meinem Tagebuch notierte ich 1977, dass ich Angst hatte, Volker könnte umgelegt werden. Das war keine Hysterie. Die Stimmung im Land war sehr aufgeheizt.

Felix Moeller: Als ich die Passage im Zuge der Recherchen zu „Sympathisanten“ las, lief es mir wirklich kalt den Rücken herunter.

War das Misstrauen gegenüber Staat und Boulevardpresse tatsächlich berechtigt?

Margarethe von Trotta: Angesichts der unmenschlichen Bedingungen in Stammheim und wie sie medial vermittelt wurden: sicher. Die Isolationshaft im sogenannten toten Trakt von Köln-Ossendorf, wie Ulrike Meinhof den Gefängnisbereich genannt hatte, grenzte an Folter. Wir fragten uns, wie es sein konnte, dass so etwas 30 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft in Deutschland schon wieder möglich war.

Felix Moeller: Wobei inzwischen klar ist, dass die RAF das Thema propagandistisch ausschlachtete, um Leute als Sympathisanten oder für den bewaffneten Kampf zu rekrutieren.

Hand aufs Herz: Wären Sie damals zum bewaffneten Kampf bereit gewesen?

Margarethe von Trotta: Niemals! Gudrun ließ mir einmal über ihren Anwalt Klaus Croissant ausrichten, ich solle sie im Gefängnis besuchen. Vermutlich wollte sie, dass ich ihr politisches Erbe antrete. Das war für mich aber völlig ausgeschlossen. Am Ende ließ ich ihre Bitte unbeantwortet, auch weil ich sie wohl nur enttäuscht hätte.