Eigentlich sollte es längst in einem Museum hängen: Als Meisterwerk eines Spitzenkünstlers, in dem sich Europas Faszination für Afrika mit der psychologischen Finesse des Wiener Fin de Siècle verbindet. Stattdessen wurde Gustav Klimts erst 2023 wiederentdecktes Porträt des westafrikanischen Prinzen William Nii Nortey Dowuona in einer Wiener Galerie sichergestellt und wird nicht ausgestellt. Wie kam es dazu?
Um das zu verstehen, muss man im Jahr 1897 beginnen: Gustav Klimt (1862–1918) ist damals noch nicht einer der teuersten Künstler der Welt, um dessen Leinwände Bietergefechte in den Auktionshäusern von London und New York ausgetragen werden. Der Sohn eines Goldgraveurs ist lediglich ein junger, aufstrebender Wiener Künstler. Wenige Jahre zuvor hat er in seiner Heimatstadt mit seinem Bruder Ernst und seinem Malerfreund Franz Matsch die Künstler-Compagnie gegründet. Diese Mischung aus Ateliergemeinschaft und Start-up erhält wichtige Aufträge zur Ausgestaltung öffentlicher Gebäude, etwa im Burgtheater und im Kunsthistorischen Museum. Beide liegen an der Ringstraße, dem Boulevard rund um das historische Zentrum Wiens. Mit ihrem Ausbau ab 1857 erhält die Stadt jenes imperiale Aussehen, das sie bis heute prägt. Kurz vor der Jahrhundertwende steht die Hauptstadt der Habsburgermonarchie auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ihres Reichtums. Nur Kolonien fehlen dem Reich. Dennoch – oder gerade deshalb – ist die Faszination für den afrikanischen Kontinent groß. Ab 1895 werden im Wiener Prater sogenannte Große ethnografische Schaustellungen organisiert – eine Art Menschenzoo, beschönigend auch „Völkerschau“ genannt. Bis zu 10.000 Menschen täglich besuchen dabei das nach einer westafrikanischen Ethnie benannte „Ashanti-Dorf“, in dem Menschen aus Afrika unter den Augen der Wiener ihr vermeintlich alltägliches Leben vorführen müssen.
Unter den Besuchern sind auch die Malerfreunde Gustav Klimt und Franz Matsch. Der Klimt-Experte und ehemalige Belvedere-Direktor Alfred Weidinger nimmt an, dass der Textilunternehmer Nikolaus Dumba die beiden beauftragt haben könnte, einen der afrikanischen Teilnehmer zu porträtieren. Lange galt der Dargestellte schlicht als „Ashanti“. Doch Weidingers Recherchen in Ghana zeigen: Der Mann war in Wirklichkeit William Nii Nortey Dowuona, Angehöriger der Ga-Gemeinschaft aus Osu bei Accra, der heutigen Hauptstadt Ghanas, und Cousin des regierenden Osu Mantse. Ein echter Prinz also, der die Delegation aus Accra während ihres sechsmonatigen Aufenthalts in Wien anführte. Die Bildnisse von Matsch und Klimt zeigen ihn aus unterschiedlichen Perspektiven – frontal bei Matsch, im Halbprofil bei Klimt. Gustav Klimts Porträt gehört zu seiner frühen Werkphase. Der goldene Stil der späteren Porträts, etwa der Adele Bloch-Bauer, ist noch ein Jahrzehnt entfernt. Doch die psychologische Intensität ist bereits deutlich: Der Blick wirkt nach innen gekehrt, das Gesicht sorgfältig modelliert, während Hintergrund und Kleidung freier behandelt sind. Auch florale Motive im Hintergrund kündigen bereits die Richtung an, in die sich Klimts Malerei entwickeln wird. 1897 ist zugleich das Jahr, in dem Klimt Mitgründer der Künstlervereinigung Wiener Secession wird.
Als Klimt 1918 stirbt, gehört das Prinzen-Porträt zu seinem Nachlass. 1919 wird es öffentlich gezeigt, wenige Jahre später gelangt es in den Besitz der jüdischen Weinhändlerfamilie Klein in Wien. Eigentümerin Ernestine Klein hängt es in ihrem Schlafzimmer auf und leiht es 1928 noch einmal für eine Ausstellung der Wiener Secession aus – es wird die letzte Exposition sein für fast ein Jahrhundert. Zehn Jahre danach verändert sich das Leben der Familie Klein radikal: Am 13. März 1938 wird Österreich von Nazideutschland annektiert. Die Kleins fliehen über Bratislava nach Ungarn und weiter über Jugoslawien und Italien schließlich nach Monaco. Das Bildnis von Prinz William Nii Nortey Dowuona bleibt in Wien zurück. Wie Klimt-Experte Weidinger die Geschehnisse rekonstruiert, bittet Ernestine Klein den Diplomaten Baron Fedor Vest in einem Brief, den Hausstand der Familie zu retten. Vest holt unter hohem Risiko mehrere Gemälde aus der beschlagnahmten Villa der Kleins und bringt sie nach Budapest. Dort übersteht das Porträt den Zweiten Weltkrieg – doch dann beginnt der Kalte Krieg. Ungarn wird Teil des Ostblocks.
Vest gibt das Bild trotz Bitten der Familie nicht zurück; und ohne staatliche Genehmigung kann es ohnehin nicht außer Landes gebracht werden. Nach Vests Tod wird das Bild zweimal vererbt und dann 2005 erneut weitergereicht. Klimts ghanaischer Prinz bleibt also in Ungarn – und gerät weitgehend in Vergessenheit.
Erst Alfred Weidinger forscht Jahrzehnte später intensiv nach dem Werk. 2015 erscheint ein Artikel darüber im österreichischen Kurier. Ein ungarischer Kunsthistoriker liest ihn und informiert den damaligen Besitzer des Gemäldes. Das Bild wird erneut verkauft. Der neue Eigentümer bringt es im Sommer 2023 zur Wiener Galerie Wienerroither & Kohlbacher. Nach Begutachtung und Restaurierung wird das Porträt für 15 Millionen Euro zum Verkauf angeboten. Doch dann greift die Justiz ein. Im November 2025 lässt die Wiener Staatsanwaltschaft das Gemälde auf Grundlage einer europäischen Ermittlungsanordnung aus Ungarn sicherstellen. „Wir werden nicht zulassen, dass Ungarns kulturelle Werte durch Täuschung oder Tricks aus dem Land geschafft werden“, sagt der für das Kulturerbe zuständige Staatssekretär Lánszki Regő. Dem ungarischen Besitzer wird vorgeworfen, das Werk bei der Ausfuhrgenehmigung als Gemälde eines unbekannten Malers im Wert von 125 Euro deklariert zu haben. Die Wiener Galerie weist den Vorwurf zurück. Die Zuschreibung an Klimt sei überhaupt erst in Österreich möglich gewesen, sagt Mitinhaber Ebi Kohlbacher. „Als das Gemälde nach Österreich gebracht wurde, hat es erheblich anders ausgesehen. Es gibt keinen ungarischen Experten für Gustav Klimt, der das Werk für den internationalen Markt hätte authentifizieren können.“ Zwischen den heutigen Eigentümern und den Nachfahren der jüdischen Familie Klein gebe es zudem bereits eine Vergleichsvereinbarung nach den Washington Principles, den seit 1998 gültigen internationalen Leitlinien, die Staaten und Museen verpflichten, bei NS-Raubkunst faire und gerechte Lösungen zu finden. Details dazu sind nicht bekannt.
Neue Perspektiven aus Ghana
Das zuständige ungarische Ministerium will sich wegen laufender Ermittlungen derzeit nicht zu dem Fall äußern. Für Alfred Weidinger sollte sich eine Lösung vor allem am historischen Kontext orientieren: Das NS-Unrecht lasse sich nicht ungeschehen machen, sagt er, doch man könne verhindern, dass daraus ein zweites Unrecht entsteht – indem Nachkommen jüdischer Sammler erneut jahrelang um Rechte und Eigentum kämpfen müssen.
Ob Klimts Prinzen-Gemälde bald öffentlich gezeigt werden kann, ist offen. Sicher ist nur eines: Erst die jüngste Forschung hat den Mann auf dem Bild wieder sichtbar gemacht – nicht mehr als anonymen „Afrikaner“, sondern als historische Person mit eigener Geschichte. Für das kommende Jahr hat Weidinger gemeinsam mit Notse Nii Nortey Owuo IV, dem Oberhaupt der Ga in Accra, ein Buch angekündigt. Es soll die Perspektiven aus Ghana erstmals konsequent einbeziehen.
»Der Kontext ist entscheidend«
Interview: Jenny Hoch
Sie könne nur spekulieren, sagt Olivette Otele, was den westafrikanischen Prinzen William Nii Nortley Dowuona 1897 bewogen habe, nach Wien zu reisen. „Vielleicht hoffte er, diplomatische Beziehungen aufnehmen zu können“, mutmaßt die kamerunisch-britische Historikerin. Stattdessen wurden er und seine mehr als hundertköpfige Entourage auf der sogenannten Völkerschau im Prater ausgestellt wie Tiere im Zoo. Außerdem stand er den Malern Gustav Klimt und Franz Matsch Modell. Seitdem das Gemälde des Ersteren vor drei Jahren überraschend auf dem Kunstmarkt auftauchte, ist es Gegenstand diverser juristischer Streitereien. Otele hingegen sieht in ihm eine Chance zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit.
ARTE Magazin Frau Otele, was löst Klimts Gemälde in Ihnen aus?
Olivette Otele Ich reagiere sehr emotional darauf. Einerseits ist das Werk ein Geschenk an die Menschheit, es besticht durch Detailgenauigkeit und Schönheit. Andererseits erzählt es auch eine Geschichte von rassistischem Kapitalismus. Es ist ein Beispiel für die Ausbeutung schwarzer, afrikanischer Körper, die Wohlstand für andere schaffen, aber nicht für denjenigen, der gezeigt wird.
ARTE Magazin Welche Rolle spielten Bilder in der Kolonialzeit?
Olivette Otele Gemälde sollten einen Raum für eine kuratierte Erzählung schaffen, mit der sich die Bevölkerung identifiziert. Der Kolonialismus wurde als etwas Positives, als zivilisatorisches Projekt dargestellt. Zudem sollte eine soziale Hierarchie geschaffen werden, die von der Gesellschaft unbewusst übernommen wurde. Der visuelle Kommentar beeinflusste, wie sich Gesellschaften selbst wahrnahmen.
ARTE Magazin Wie wurden Menschen afrikanischer Herkunft in der Regel dargestellt?
Olivette Otele Anfangs als kleine Figuren, später stellte man sie größer dar, aber oft unterhalb der Hauptfigur positioniert. Afrikaner wurden in exotisierenden Umgebungen gezeigt, selten im Mittelpunkt.
ARTE Magazin Was hat Klimt anders gemacht?
Olivette Otele Klimt porträtierte den ghanaischen Prinzen mit erkennbaren Gesichtszügen und Emotionen. Allerdings schaut er nicht zum Maler, was seinem Rang als Prinzen nicht angemessen ist. Und er ist halbnackt. Da es in Europa aber damals als Zeichen von Kultur und Raffinement galt, vollständig und korrekt gekleidet zu sein, spiegelt die Art der Darstellung die bestehende soziale Hierarchie.
ARTE Magazin Wie und wo sollte das Werk ausgestellt werden?
Olivette Otele Der Kontext ist hier entscheidend, erst der historische Hintergrund ermöglicht Gespräche über Kolonialismus und Macht. Wiedergutmachung kann durch Dialog mit betroffenen Gemeinschaften gefördert werden. Deswegen sollte das Gemälde nicht nur innerhalb nationaler Grenzen gezeigt werden. Es muss reisen!










