»Japan ist Frontstaat«

Japan befindet sich in einer Konfliktzone mit bedrohlicher Nachbarschaft. Der Taiwan-Konflikt schürt Sorgen, in einen Krieg gezogen zu werden. Schutz soll Bündnispartner USA bieten – und eigene militärische Stärke.

Origami weißer Papierkranich Japan
Friedensvogel: Nach der Atombombe von Hiroshima wurde der Origami-Kranich zu Japans Symbol gegen den Krieg. Bis heute wird er gefaltet, vom Pazifismus aber verabschiedet sich das Land gerade.Foto: flashfilm/Getty Images

Japan hat durch die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 als einziges Land das Grauen eines Atombombenangriffs erfahren. Unter diesem Eindruck wurde, angeleitet durch die damalige amerikanische Besatzungsmacht, der Kriegsverzicht in der Verfassung verankert. Im Bündnis mit den USA wuchs Japan zum wirtschaftlichen Riesen heran, der militärisch stets ein Zwerg blieb. In jüngster Zeit hat der Inselstaat einen Kurswechsel vollzogen und rüstet massiv auf, wie die ARTE-Dokumentation „Japan: Ende des Pazifismus?“ zeigt. Eine der Expertinnen darin, die Politikwissenschaftlerin ­Alexandra Sakaki, spricht mit dem ARTE Magazin über Ängste, Abschreckung und die Zeitenwende im Indopazifik.

ARTE Magazin Frau Sakaki, Russlands Angriff auf die ­Ukraine hat Europa verteidigungspolitisch wachgerüttelt. Wie wirkt sich dieser Krieg in Japan aus, gut 8.000 Kilometer entfernt?

Alexandra SakakiAls Katalysator. Russlands Angriff hat Japan die ganz realen Risiken eines militärischen Konflikts vor Augen geführt und die Notwendigkeit unterstrichen, sehr konkret darüber nachzudenken, wie man einen solchen Konflikt in der Region für sich verhindert – oder sich bestmöglich dafür aufstellt.

ARTE Magazin Wo liegen die größten Gefahren?

Alexandra SakakiIn den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren hat sich Japans Sicherheitsumfeld deutlich verschlechtert, vor allem durch China und Nordkorea, die stark aufgerüstet haben und tagtäglich mit Droh-gebärden auffallen. Speziell wegen der Spannungen in der Taiwanstraße gibt es große Besorgnisse.

ARTE Magazin Peking sieht Taiwan als Bestandteil der Volksrepublik China und droht fortgesetzt säbelrasselnd. Kann sich Japan da heraushalten?

Alexandra SakakiIn der politischen Elite des Landes herrscht ein breiter Konsens, dass Japan im Falle eines militärischen Konflikts um Taiwan beinahe zwangs-läufig darin verwickelt werden würde. Die japanische Insel Yonaguni ist nur 110 Kilometer von Taiwan entfernt. Hinzu kommt der Streit um die Senkaku-­Inseln, die unter japanischer Kontrolle ­stehen, für China aber ein Teil Taiwans sind. Auch dort gibt es ständig chinesische Provokationen.

ARTE Magazin Melden sich in Anbetracht der wirtschaftlichen Macht der Volksrepublik auch Mahner für einen China-freundlicheren Kurs zu Wort?

Alexandra SakakiDer Blick auf China ist in Japan sehr kritisch. Bei Umfragen lag in den vergangenen Jahren der Anteil derjenigen, die einen schlechten Eindruck von China haben, bei 90 Prozent oder mehr.

Zur Person
Alexandra Sakaki, Politikwissenschaftlerin

Die Japan-Expertin forscht in der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, einem Thinktank des Bundes, vor allem zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

 

Alexandra Sakaki Politikwissenschaftlerin
Foto: PR

Japan: Ende des Pazifismus?

Geopolitische Doku

Dienstag, 26.3.
— 22.00 Uhr
bis 9.12. in der Mediathek

ARTE Magazin Wie reagiert Japan auf die Bedrohungslage?

Alexandra Sakaki 2022 hat Japan beschlossen, sein Verteidigungsbudget bis 2027 um 60 Prozent zu erhöhen – ein riesiger Schritt. Damals fiel auch die Entscheidung, Raketen mit größerer Reichweite anzuschaffen, die potenziell China oder Nordkorea erreichen könnten.

ARTE Magazin Welche Botschaft wird damit ausgesandt?

Alexandra SakakiEs geht darum, zu signalisieren: Ihr könnt nicht damit rechnen, dass ihr Japan überfallt und schnell besiegt. Wir haben Möglichkeiten, uns zu wehren. Und damit den USA als wichtigstem Bündnispartner Zeit zu verschaffen, uns zu unterstützen.

ARTE Magazin Ist die Abkehr von der jahrzehntelangen militärischen Enthaltsamkeit unumstritten?

Alexandra SakakiIn der Bevölkerung bestehen auch Zweifel, in welchem Maße diese Aufrüstung nötig ist. Ob das Steuergeld nicht besser für Bildung oder den sozialen Ausgleich angelegt wäre.

ARTE Magazin Kann Japan auf die USA zählen – etwa bei einer erneuten Trump-Präsidentschaft?

Alexandra SakakiAus Sicht Japans waren die USA während verschiedener Präsidenten-Amtszeiten ein schwieriger Partner, auch wenn Donald Trump besonders erratisch war. Insofern werden die politischen Entwicklungen genau beobachtet. Sollte Trump erneut ins Weiße Haus einziehen, ist für Japan zumindest von Vorteil, dass auch er China als Bedrohung versteht. Und Japan bleibt für die USA allein wegen der großen Zahl stationierter Truppen ein wichtiger Partner .

ARTE Magazin Verschafft die Insellage dem Land mehr Sicherheit?

Alexandra Sakaki Vor 20 oder 25 Jahren, als China und Nordkorea noch keine großen Raketenarsenale hatten, mit denen sie Japan treffen konnten, gab das einen gewissen Schutz und ermöglichte den idealistischen Antimilitarismus. Heute versteht sich Japan als Frontstaat. Mit China, Nordkorea und letztlich auch Russland hat es gleich drei schwierige Nachbarn, die über die Fähigkeit verfügen, direkt anzugreifen.

 

Japan und die „Ära des erleuchteten Friedens“

Geschichtsdoku

Dienstag, 26.3. — 22.55 Uhr
bis 30.6. in der Mediathek