Der schwedische Musiker José González ist nicht nur solo unterwegs, sondern auch als Sänger der Band Junip. In Hardcore-Punk-Bands wie Back Against The Wall hatte er zuvor die politische Vision seiner Eltern weitergetragen, die nach dem Staatsstreich 1976 von Argentinien nach Göteborg flohen. Als Bassist von Only If You Call Me Jonathan absolvierte er parallel einen Master in Molekularbiologie. Seine akademische Karriere brach der Biochemiker jedoch ab, um sich ganz der Musik zu widmen – und avancierte zur Leitfigur des zeitgenössischen Folk. Für das Gespräch mit dem ARTE Magazin schaltete er sich aus dem Tourbus in Spanien zu.
ARTE Magazin Herr Gonzáles, die Kunst im Moderna Museet lade ein, loszulassen und die Wahrnehmung zu erweitern, haben Sie beim Konzert dort gesagt. Wie gelingt das?
José González Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, welche Kraft Kunst entfalten kann. Man besucht eine Ausstellung, betritt vielleicht nur ein Gebäude – und plötzlich öffnet ein Gemälde oder eine Skulptur einen ganz neuen Gedankenraum. Oder, am unmittelbarsten, ein Konzert: Es sind Momente, in denen ich völlig eintauche und darin aufgehe. Im Museum vor anderen zu spielen, schafft eine besondere Verbundenheit. Was mir dabei hilft, mein Bewusstsein zu öffnen, ist die Verbindung von Meditation und Musik, die eine tranceartige Wirkung haben kann.
ARTE Magazin Wie bewahren Sie in einer Welt permanenter Ablenkung Ihre Kreativität?
José González Ich sehe Unterhaltung als wichtigen Teil unseres Lebens, versuche aber, bewusst damit umzugehen. Phasen der Langeweile auszuhalten, kann dazu führen, wieder mehr von dem zu machen, was einem guttut: nach draußen gehen, weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen. Soziale Medien nutze ich bewusst; ich erlaube mir, zu scrollen, aber nicht stundenlang. Solche Tricks helfen, meine Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die langfristig wertvoller sind.
ARTE Magazin Sind Sie selbst ein ruhiger Mensch, oder ist Ihre sanftmütige Musik nur eine Art Rückzugsort?
José González Freunde und Familie würden sagen, dass ich eher ruhig bin. Ich habe aber auch eine Speedy-Gonzales-Seite in mir und kann sehr spontan und schnell handeln. Ich nehme mir viel Zeit für Musik. Zu energiegeladenem Sound fühle ich mich genauso hingezogen wie zum sanften Folk von João Gilberto oder Chet Baker.
ARTE Magazin Ihr Vater sang in einer Folkband und war politischer Aktivist. Hat Sie das geprägt?
José González Meine Eltern kamen als Studenten aus Argentinien nach Schweden. Zu Hause liefen Platten von argentinischen Folk-Gruppen wie Markama. Einige Einflüsse finden sich bis heute in meiner Musik, wie die Wahl, klassische spanische Gitarre zu spielen. Manche Harmonien erinnern an die Andenmusik aus den Bergen Südamerikas. Die Haltung meiner Eltern hat mich inspiriert: Verantwortung zu übernehmen und die Welt besser machen zu wollen – auch wenn die Frage nach dem richtigen Weg komplex bleibt. Ich beschäftige mich viel mit humanistischen Ansätzen zu sozialer Gerechtigkeit, Klimaschutz und der Frage, wie wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln können.
ARTE Magazin Kann Kunst gesellschaftlichen Wandel anstoßen? Oder wird die Wirkung überschätzt?
José González Ich glaube beides. Wenn Künstler vor einem Publikum auftreten, das ihre Überzeugungen ohnehin teilt, bestätigt Kunst oft eher bestehende Haltungen, als neue Perspektiven zu eröffnen. Spannend wird sie für mich dort, wo sie vertraute Denkmuster irritiert und unterschiedliche Ideen miteinander verbindet. Der nachhaltigste Wandel entsteht aus meiner Sicht im gemeinsamen Dialog, wenn Menschen bereit sind, einander zuzuhören und Unterschiede zu erkennen. Kunst kann solche Dialoge auslösen. In diesem Kontext schätze ich Kunstformen wie Punkmusik besonders, die nicht nur gefallen wollen, sondern bewusst herausfordern.
ARTE Magazin In Ihrem Album „Against the Dying of the Light“ reflektieren Sie über den technologischen Fortschritt. Was denken Sie, wie sich kreative Arbeit in Zeiten von künstlicher Intelligenz entwickelt?
José González Menschen werden immer kreativ sein. Dieser Impuls ist tief in uns verankert. Viele sehen genau darin ihren Antrieb: in diesen kreativen Flow-Zustand zu gelangen. KI kann ein weiteres Werkzeug sein, die eigenen Ambitionen umzusetzen. Wir sollten uns vor der Falle in Acht nehmen, nur noch die KI gestalten zu lassen und zu Konsumenten inhaltloser, „leerer Kunst“ zu werden – vergleichbar mit den leeren Kalorien in unserer Ernährung. Ansonsten bin ich nicht sonderlich besorgt: Menschen werden immer gerne Zeit mit anderen Menschen verbringen, gemeinsam Musik erleben, tanzen, Kunst betrachten und echte Geschichten hören wollen.
ARTE Magazin In Interviews preisen Sie die schwedische Philosophie des „Lagom“. Was bedeutet das?
José González „Lagom“ meint: nicht zu viel und nicht zu wenig. Diese Philosophie hat mich bis hin zum Einsatz von KI in meiner Musik begleitet: Die KI sollte für meinen Song „Joy“ ein Teil vom Prozess werden, ohne dass meine persönliche Handschrift verloren geht. „Lagom“ gilt auch für gesellschaftliche Fragen: Wann müssen wir regulieren, wann freien Raum lassen? Man kann es ganz einfach erklären: Beim Kochen braucht ein Gericht eine bestimmte Menge Salz: Zu wenig macht es langweilig, von zu viel wird einem schlecht.






