Auf einem nebligen Schotterweg an der französischen Atlantikküste läuft eine Frau mit elegantem weißem Mantel einem Jungen hinterher. Ihr Outfit steht im krassen Kontrast zur kargen Landschaft. „Lars? Lass uns doch einfach Urlaub machen! Wir dichten das Boot wieder ab und dann segeln wir aufs Meer.“ „Das Boot ist kaputt“, erwidert der Junge und entfernt sich weiter von seiner Mutter. „Wir können es reparieren – oder wir machen etwas anderes“, drängt die Frau weiter. Der Sohn wird langsamer, dreht sich um, taxiert seine Mutter: „Was denn?“ Die Mutter schaut ihn bekümmert an: „Wieso willst du nicht in die Schule?“ Plötzlich werden die Gesichtszüge des Jungen weicher, verzweifelter. Er ringt mit einer Antwort, als das Telefon der Mutter surrt und die Stille der Natur durchbricht.
Das kaputte Boot steht für die defekte Kommunikation zwischen Mutter und Sohn, die Ava Bringmann Slak, damals noch unter dem Namen Hanna Slak, in ihrem 2023 erschienenen Kinofilm „Kein Wort“ in den Mittelpunkt stellt. Die Deutsch-Slowenin bewegt sich zwischen zwei Welten: Sie ist nicht nur Filmemacherin, sondern arbeitet auch als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Wohl gerade deshalb interessieren sie Menschen mit tiefen Seelenwelten: „Meine Filme erzählen von Menschen, die es schaffen, durch Resilienz und Liebe wieder Licht in die Dunkelheit zu bringen“, beschreibt die Regisseurin ihre Werke auf ihrer Website. Ihre Arbeiten, darunter experimentelle Kurz- und Dokumentarfilme, liefen bereits im Programm internationaler Festivals. „Kein Wort“, den ARTE im Juni zeigt, ist ihr erster deutschsprachiger Kinofilm. Er handelt von der Dirigentin Nina (Maren Eggert), die geschieden ist und auf ihrem Karrierehöhepunkt steht. Beruflich hat sie das exakte Hören perfektioniert, privat weicht sie direkter Kommunikation eher aus – und redet Dinge schön. Die Beziehung zu ihrem Sohn Lars (Jona Levin Nicolai) leidet darunter. Der Teenager kapselt sich immer mehr von ihr ab und sehnt sich nach echten Gesprächen. Darin liegt für die Regisseurin die eigentliche Tragik: „Wenn wir verpassen, Kindern zuzuhören, ihnen achtsam zu begegnen, verlieren wir den Anschluss“, sagt Bringmann Slak im Gespräch mit dem ARTE Magazin.
Als Nina erfährt, dass Lars bei einem Schulunfall verletzt wurde, reisen sie für eine Auszeit auf eine Insel im französischen Atlantik, wo sie in der Vergangenheit Sommerurlaube verbrachten. Doch im Winter ist die Insel verlassen und kalt – und es gibt kaum Netz. Die raue Einöde zwingt sie, sich mit dem auseinanderzusetzen, was im Alltag lange unterdrückt wurde. Dafür müssen sie ihre gewohnten Muster durchbrechen. „Anstatt miteinander zu kommunizieren, wird die Realität zunehmend aus der eigenen Fantasie erschaffen. Meine Idee war es, diese gesellschaftliche Beobachtung in eine Zweierbeziehung zu transportieren und die Missverständnisse bis ins Extreme zu verschärfen“, sagt Bringmann Slak zum Konzept ihres Films.
Der Dialog schwindet
Die sich häufenden Missverständnisse kippen dabei zwangsläufig in ein Gefühl, dem sich die Regisseurin in ihren Filmen immer wieder widmet: „Ich versuche, Ängste zu identifizieren, zu verstehen, sie auszusprechen und bloßzustellen. Eine Angst, die verdrängt oder verschwiegen bleibt, kann schnell zu einem fantastischen Monster heranwachsen.“ Die Sorge vor einer unangenehmen Wahrheit wächst auch in Nina, als Details zum Schulunfall ihres Sohnes ans Licht kommen. In manchen Momenten scheint es, als breche die Wand zwischen Mutter und Sohn, doch dann werden sie durch Handyklingeln unterbrochen. Nina wird zurück an ihren Orchesterposten gerufen.
Das vibrierende Handy ist allgegenwärtig – ein popkulturelles Motiv einer Gesellschaft, die durchdrungen ist von Social Media, Sprachnachrichten und digitaler Werbung. „Der Dialog hat sich gewandelt, jeder ist auf seine eigenen Befindlichkeiten konzentriert“, betont Bringmann Slak. „Wir hören nicht mehr zu, wir lauschen höchstens noch.“ Eine Erkenntnis, die nachdenklich macht: Ist unsere Gesellschaft an einem Punkt angelangt, in der sie echten Dialog verlernt hat? Bei Millennials und der Generation Z, die vornehmlich über Kurznachrichten kommunizieren, gibt es seit einigen Jahren einen Trend, der diese Tendenz zuspitzt: die Angst vor dem Telefonieren. Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest aus dem Jahr 2018 vermeidet fast jeder fünfte Teenager zwischen 12 und 19 Jahren, Anrufe zu tätigen. Die direkte Sprach-Interaktion beunruhigt Betroffene offenbar. Beim Thema Furcht will Bringmann Slak ansetzen – mit Geschichten, die Mut machen: „Durch meine Filme möchte ich erzählen, dass es möglich ist, Ängste und Selbstbezogenheit zu überwinden.“






