Die Haberer zum Chillen

Madonna und Depeche Mode vertrauten ihnen ihre Songs an: Wie das Wiener Duo Kruder & ­Dorfmeister als Reaktion auf Techno eine ganz eigene Welt an elektronischer Musik erschaffen hat.

Kruder & Dorfmeister Porträt
Einatmen. Zurücklehnen. „The K&D Sessions“ ist kein Album – dieses Werk ist ein Zustand. Ein akustischer Raum, in dem das Zeitgefühl sich auflöst. Für die Show im Wiener Konzerthaus haben ­Kruder & Dorfmeister den Puls ihres berühmten Albums, das vor mehr als 25 Jahren erschienen ist, mit einer vierköpfigen Live-Band übertragen. Foto: Max Parovsky / IMG

Die Annäherung an die Hochkultur kam Anfang der 2010er Jahre; da spielten ­Peter ­Kruder und ­Richard ­Dorfmeister erstmals eine Konzertreihe im Wiener Burgtheater. Und es funktionierte. Der sehr spezielle Downbeat-Electro der Österreicher, der sich Ende der 1990er zu einem weltweit geachteten Phänomen entwickelt hatte, wurde plötzlich nicht mehr nur als Musik zum Chillen wahrgenommen. Visuell hübsch aufbereitet, funktionierte das Projekt ­Kruder & Dorfmeister, kurz K&D, auch in Theatern und Konzertsälen für klassische Musik. Die zeitlose Sinnlichkeit und die cineastische Atmosphäre der Musik kamen hier besonders zur Geltung. Inzwischen werden Live-Shows der Österreicher sogar mit den erfolgreichsten Pionieren ihrer Zunft verglichen: Kraftwerk. Wie viel an solchen Vergleichen dran ist, zeigt ARTE im Mai mit dem Konzertfilm „­Kruder & ­Dorfmeister: Wiener Konzerthaus“.

Kruder & Dorfmeister: Wiener Konzerthaus

Konzertfilm

Freitag, 29.5.
— 23.35 Uhr
bis 16.6. auf arte.tv   

Sowohl Peter Kruder als auch Richard Dorfmeister sind Ende der 1960er in Wien geboren. Das darf man betonen, denn diese Stadt hat einen so ureigenen Charakter, dass sie der Sprache und dem Geschmack der Menschen einen besonders prägnanten Stempel aufdrückt. Ab Ende der 1980er begannen beide, sich in wechselnden Bands und anderen Musikprojekten auszuprobieren, wobei sie bereits unabhängig voneinander einen maximal kosmopolitischen Ansatz verfolgten. ­Peter ­Kruder etwa mit seiner Hip-Hop-Combo The ­Moreaus, ­Richard ­Dorfmeister experimentierte sich unter anderem durch Gedichttexte und Klangwelten aus Indien. Nun ranken sich bei vielen großen Duos der Popkultur romanhafte Geschichten um die Frage, wie die erste Begegnung verlief. Bei ­Peter ­Kruder und ­Richard ­Dorfmeister wirkt es mehr wie eine zufällige Begegnung zweier Nerds: Man traf sich 1991 in einem Studio im Westen Wiens, weil beide Musiker etwas zu einer Compilation von ­Peter ­Rauhofer beisteuern wollten – laut Musikmagazin Groove der erste House-Produzent an der Donau. Immerhin: Der Anlass des Treffens war ein Problem mit einem Sampler, also jenem Gerät, das die beiden schon bald als mächtiges kreatives Werkzeug nutzten, um international Furore zu machen.

Vernebelt: ­Peter ­Kruder und ­Richard ­Dorfmeister ließen sich von Techno, Acid Jazz, Dub und Hip-Hop inspirieren und zählen zu den erfolgreichsten Musik-Exporten Wiens.
Vernebelt: ­Peter ­Kruder und ­Richard ­Dorfmeister ließen sich von Techno, Acid Jazz, Dub und Hip-Hop inspirieren und zählen zu den erfolgreichsten Musik-Exporten Wiens. Foto: Gerd Schneider

Die zündende Idee: ein Simon & Garfunkel-Cover

Die zündende Idee für die erste ernsthafte Kooperation klingt schon eher wie der Stoff einer Legende: Peter Kruder, der Anfang der 1990er erfolgreich als Friseur arbeitete, sah eines Tages das Album „Bookends“ von Simon & Garfunkel und musste dabei an diesen Lockenkopf denken, der sich so gut mit Samplern auskannte. Also scannte er das Cover und schickte es nach London, wo Richard Dorfmeister gerade lebte. „Wir müssen eine Platte machen, nur um dieses Cover nachzustellen. Weil du ausschaust wie dieser Typ“, schrieb er dazu, wobei er den ebenfalls lockigen Art Garfunkel meinte. „Drei Tage später stand Richard vor meiner Tür. Mit seinem Peugeot, bis obenhin vollgepackt mit Equipment“, erzählte Kruder im Interview mit dem Groove.   

Und so entstand 1993 die erste K&D-Platte „G-Stoned“, deren Cover-Foto tatsächlich wirkt wie von einer Simon & Garfunkel-Coverband. Die Musik darauf hatte jedoch wenig zu tun mit dem wehmütigen Folk der US-Amerikaner. „Wir haben Tracks gemacht, die eine Reaktion auf Techno waren: eine Mischung aus Hip-Hop, Vinyl-Kultur, History; ein richtiger Melting Pot“, fasste es Richard Dorfmeister gegenüber der Wiener Tageszeitung Der Standard zusammen. Nach dem ersten Achtunsgerfolg verfeinerten Kruder & Dorfmeister ihre elektronische Handschrift; dabei kamen – aus heutiger Sicht – epochenprägende analoge sowie frühdigitale Geräte zum Einsatz: darunter natürlich Technics-Plattenspieler, Atari-Heimcomputer und der Akai-S1100-Sampler, der den Sound der 1990er entscheidend beeinflusste, etwa dank der Pet Shop Boys, Portishead und The Prodigy.

Nach Gründung ihres eigenen Labels G-Stone Recordings und der gefeierten Compilation „DJ-Kicks“ folgte 1998 der internationale Durchbruch: „The K&D Sessions“. Eine Platte, und hier passt es wirklich mal, wie eine doch sehr cremige Melange im verrauchten Wiener Kaffeehaus. Titel großer Acts wie Depeche Mode werden dabei spielerisch mit Underground-Rap-Acts und waberndem Dub zusammengemixt. Bis heute hat sich das als Doppel-CD und Vierfach-Vinyl erschienene Album mehr als eine Million Mal verkauft. „Vollkommene Kompositionen aus Schwingungen und Bässen, geschmeidig, elegant, sanft, rund. Die Art Musik, die man hören muss, wenn man bekifft auf dem Bett liegt und sich vorstellt, man tanze. Man möchte die Boxen umarmen“, jubelte Der Spiegel. Zwar gab es auch Kritiker – der NME nannte die Platte zu ausschweifend, zu gefällig auf Dauer –, aber die Welt bekam erst mal nicht genug vom Wiener Downbeat. Sogar Madonna und David Bowie wollten sich plötzlich von K&D remixen lassen. Erst im Laufe der 2000er ebbte der Hype zeitweise ab. Knapp 30 Jahre nach ihrem Durchbruch sind Kruder & Dorfmeister mal wieder auf Tour – durch Europa und die USA. „Zwei Haberer – still kicking“, würden die Wiener sagen.

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