Ein Mann, viele Gesichter

Ein Körper-Künstler: Wenn der Däne Mads ­Mikkelsen im Kino zu sehen ist, ist das ein Ereignis – Worte braucht er dafür nicht zwingend.

Porträt des dänischen Schauspielers Mads Mikkelsen.
Ob in „James Bond“ oder „Star Wars“ – seine Rollen prägen sich ein. Der Däne Mads Mikkelsen ist einer der charismatischsten Schauspieler seiner Generation. Foto: picture alliance/Ritzau Scanpix/Mathias Svold

Ein Mann kämpft irgendwo in der unendlichen Einsamkeit der Arktis um sein Überleben. Er haust im ausgebrannten Rumpf des Flugzeuges, mit dem er abgestürzt ist, und ernährt sich von rohem Fisch, den er in einem nahe gelegenen See fängt. Es ist so kalt, dass ein Teil seiner Zehen bereits abgestorben ist. Mit einem mechanischen Funkgerät setzt er regelmäßig Notrufe ab. Als endlich ein Hubschrauber auftaucht, scheint die Rettung nah. Doch mitnichten. Der Hubschrauber stürzt im Sturm ab, der Mann birgt die schwer verletzte Co-Pilotin, um deren Überleben er sich nun auch noch kümmert.

Mads Mikkelsen – Brillanter Bösewicht

Porträt

Freitag, 17.12. — 21.50 Uhr
bis 16.3.26 auf arte.tv  

Der Film „Arctic“ des brasilianischen Regisseurs und Drehbuchautors ­Joe ­Penna, den ARTE im Dezember zeigt, ist ein klassisches Survival-­Drama: Mensch gegen Natur. Der Film, der 2018 in Cannes uraufgeführt wurde, zeichnet sich durch majestätische Landschaftsaufnahmen aus und durch den stimmungsvollen Soundtrack von ­Joseph ­Trapanese. Zum Ereignis aber wird „­Arctic“ durch seinen Hauptdarsteller Mads ­Mikkelsen. Dick eingepackt in einen verschlissenen Anorak, mit Mütze und Vollbart, stapft der Schauspieler, der im November seinen 60. Geburtstag feierte, durch die Eiseskälte. Während des gesamten Films spricht er fast kein einziges Wort. Trotzdem hat man als Zuschauer das Gefühl, am emotionalen Innenleben dieses geschundenen Mannes teilzuhaben. Trotz der äußerlichen Härte verleiht Mads ­Mikkelsen seiner Figur eine Wärme und Verletzlichkeit, die zu Herzen geht. Wie macht er das?

Arctic

Abenteuerfilm

Mittwoch, 17.12. — 20.15 Uhr
bis 14.2.26 auf arte.tv  

Der dänische Schauspieler als James-Bond-Gegenspieler
Als James-Bond-Gegenspieler Le Chiffre gelang Mads ­Mikkelsen 2006 in „­Casino ­Royale“ der internationale Durchbruch. Foto: picture alliance/Everett Collection/Sony Pictures

Mads Mikkelsen gilt als Spezialist für facettenreiche, sensible Männerfiguren, die oft abgründige Seiten haben – und dadurch umso anziehender wirken. Dabei gelingt ihm ein Spagat, der für einen europäischen Schauspieler wohl einzigartig ist. Wie auch die ARTE-Dokumentation „Mads ­Mikkelsen – Brillanter Bösewicht“ zeigt, ist er nicht nur ein preisgekrönter Arthouse-­Darsteller, sondern seit seiner Rolle als James-­Bond-­Bösewicht Le ­Chiffre in „­Casino Royale“ (2006) auch ein Blockbuster-Superstar. Er war in diversen Filmen aus dem Marvel-Universum zu sehen, unter anderem in „Doctor Strange“ (2016) oder im Star-Wars-Prequel „­Rogue ­One“ (2016) sowie in „­Indiana ­Jones und das Rad des Schicksals“ (2023). Der Mann mit den markanten Wangenknochen wurde mehrfach zum „Sexiest Man Alive“ gewählt. Taucht er irgendwo auf einem roten Teppich auf, hyperventilieren die Fans.

Filmstill aus der Komödie
Mads Mikkelsen spielte in ­Anders ­Thomas Jensens schwarzer Komödie „Dänische Delikatessen“ von 2003 einen Metzger, der Menschenfleisch verkauft. Foto: picture alliance/United Archives

Ihn selbst scheint das alles wenig zu beeindrucken. Auf seine Erfolgsformel angesprochen, antwortete er einst knapp: „Sei dänisch“. Tatsächlich blieb der Schauspieler seinem Heimatland treu und arbeitet regelmäßig mit dänischen Regisseuren. So spielte er in ­Anders Thomas ­Jensens schwarzer Komödie „Dänische Delikatessen“ von 2003 einen Metzger, der Menschenfleisch verkauft, und im oscarnominierten Drama „Nach der Hochzeit“ (2006) von ­Susanne ­Bier einen idealistischen Wohltäter. Bei ­Thomas ­Vinterberg verkörperte er 2012 in „Die Jagd“ einen der Pädophilie verdächtigen Pädagogen sowie 2020 in der hochgelobten Tragikomödie „Der Rausch“ einen dem Alkohol zugeneigten Lehrer in der Midlife-Crisis.

Talent für Akrobatik und Tanz

Zum Kino kam Mads Mikkelsen eher zufällig: 1965 in Kopenhagen geboren, wuchs er in einem der raueren Viertel der Stadt auf. Um die Kinder von der Straße wegzuholen, bot sein Mathelehrer nachmittags Turnunterricht an. Durch eine kleine Rolle in einem Musical entdeckte er sein Talent für Akrobatik und Tanz. Seine erste Rolle als Schauspieler hatte er 1996 im Low-Budget-Debüt seines Kumpels Nicolas Winding Refn. Darin spielte er den drogensüchtigen Kleindealer Tonny mit derartiger Intensität, dass auch andere Regisseure auf ihn aufmerksam wurden. Seinem Spiel sieht man seine Erfahrung als Tänzer an. Es ist auf ein Minimum reduziert, dennoch drückt seine Mimik, seine Gestik, sein gesamtes Sein die Essenz der jeweiligen Rolle aus. Seine Körperbeherrschung ist phänomenal, seine Experimentierfreude ebenso. Extreme Rollen schrecken ihn nicht ab, im Gegenteil. Seine einzige Bedingung: „Der Regisseur muss mich vom Sinn des Unterfangens überzeugen. Überträgt sich das Feuer auf mich, mache ich alles.“

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