Im Klischee gefangen

Im Drama „Kinder, Küche, Chaos“ findet sich eine Mutter ungewollt als Hausfrau wieder. Doch unter Jüngeren gewinnt das Rollenbild an Attraktivität. Warum?

Eine Frau im 50er-Jahre Stil vor einer Waschmaschine.
Die Hausfrauenehe – das gesetzlich verankerte Modell mit männlichem Alleinverdiener und einer für Haushalt und Kinder zuständigen Frau – wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst 1977 abgeschafft. Und nun sehnen sich junge Frauen in das mühsam abgestreifte alte Korsett zurück. Wie ist das zu erklären? Foto: H. Armstrong Roberts/ClassicStock/Getty Images

Eine blonde Frau in Kleid und Schürze knetet einen Teig, drei Kinder wuseln um sie herum. Sie wirft ihren Kopf in den Nacken und lacht befreit. Es handelt sich um die US-Amerikanerin Hannah Neeleman, eine Galionsfigur der so­genannten Tradwife-Bewegung – kurz für: Traditional House­wives. Tradwifes zelebrieren in den sozialen Medien den Lebensentwurf als traditionelle Hausfrauen. Mit großem Erfolg: Neelemans Instagram-Account „Ballerina Farm“ folgen über zehn Millionen Menschen; das Time Magazine wählte die achtfache Mutter 2025 unter die Top 100 Content Creators. Studien zeigen, dass das Ansehen von Hausfrauen auch in Deutschland unter Jüngeren wieder zunimmt. Ältere Generationen wundern sich vielleicht: Erst seit 1958 dürfen Frauen in Westdeutschland ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten – wenn auch zunächst nur dann, wenn es ihre ehelichen Pflichten erlauben. Die Hausfrauenehe – das gesetzlich verankerte Modell mit männlichem Alleinverdiener und einer für Haushalt und Kinder zuständigen Frau – wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst 1977 abgeschafft. Und nun sehnen sich junge Frauen in das mühsam abgestreifte alte Korsett zurück. Wie ist das zu erklären?

Kinder, Küche, Chaos

Drama

bis 19.7. auf arte.tv   

„Viele jüngere Generationen haben nicht wirklich im Blick, was finanzielle Abhängigkeit bedeutet, sagt die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes, Autorin des Buches „Die Erfindung der Hausfrau – Geschichte einer Entwertung“, im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Gleichzeitig wächst in Krisenzeiten die Sehnsucht nach Einfachheit.“ Demonstrativ analog und einfach wirken auch Hannah Neelemans Inszenierungen: kein Plastik, keine Elektronik. Stattdessen riesige Schüsseln aus Emaille oder geschmeidigem Olivenholz. Manche sehen darin eine Rückkehr zu „natürlichen Verhältnissen“ – auch bei Geschlechterrollen. Dem widerspricht Rulffes deutlich: „Mitgliederlisten von Zünften im Mittelalter belegen, dass diese mindestens zur Hälfte mit Frauen besetzt waren. Erst mit dem Erstarken des Bürgertums etablierte sich eine deutliche Trennung von Erwerbsarbeit und Haushalt; erst in dieser Phase entstand das Ideal, dass Frauen nicht erwerbstätig sein sollten.“ Das Hausfrauen-Ideal erscheint vor diesem Hintergrund vor allem als bürgerliches Konstrukt und Prestigesymbol.

ARTE beschäftigt sich im Februar im Rahmen einer vielschichtigen Filmreihe mit der Rolle von Frauen mit Familie: Während „Bis dann, mein Sohn“ (2019) von Wang Xiaoshuai Elternschaft unter der chinesischen Ein-Kind-Politik verhandelt und Franco Lolli in „Die Kämpferin“ (2019) ein intimes Porträt über eine alleinerziehende Mutter in Bogotá zeichnet, widmet sich das Drama „Kinder, Küche, Chaos“ (2013) von ­Isabelle ­Czajka dem Schicksal einer Französin: Die promovierte ­Juliette (­Emmanuelle ­Devos) ist dabei ungewollt in der Hausfrauenrolle gefangen und sucht den Ausweg aus der Endlosschleife ihres Alltags zwischen Kinderbetreuung und Haushalt.

Frau liest Kind etwas vor.
Einkaufen, Kinder zur Schule bringen, kochen, Kinder zu Bett bringen – Juliette (Emmanuelle Devos) findet ihren Alltag als Hausfrau unerträglich. Sie hat sich bei einem Verlag beworben und wartet auf Antwort. Foto: AGAT Films & Cie/France 2 Cinéma/ARTE F

Doch selbst wenn beide Partner erwerbstätig sind und eigentlich fest entschlossen, nicht in tradierte Rollenbilder zu verfallen – in der Realität sorgen oft äußere Umstände für eine Benachteiligung von Frauen. Vor allem in Deutschland fehlt es vielerorts noch immer an ganztägiger Betreuung in Kindergärten und Schulen. Fürsorgearbeit – kochen, putzen, trösten, Arzttermine vereinbaren – übernehmen laut Umfragen noch immer überwiegend Frauen.Auch auf dem Arbeitsmarkt scheinen diejenigen, die sich der zweifachen Aufgabe als Mutter und Berufstätige stellen, oft das Nachsehen zu haben. Das zumindest legt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung aus dem Jahr 2025 nahe. Demnach schadet Frauen sowohl eine kurze als auch eine lange Elternzeit auf dem Karriereweg – Männern hingegen nicht.

Ob Doppelbelastung oder einseitiger mental load, für die meisten Frauen gilt: Augen zu und durch. Manche aber scheinen angesichts wachsender Herausforderungen wieder Gefallen an einem Hausfrauendasein zu finden, wie es die Tradwifes propagieren. Dabei hat deren poliertes Online-Image mitunter wenig mit der Realität ihrer Follower zu tun. Erklärte Super-Hausfrauen wie Hannah Neeleman sind oft komfortabel abgesichert. Neeleman beschäftigt rund 100 Angestellte, ihr Ehemann ist der Spross eines Milliardärs. Beide gehören der Glaubensgemeinschaft der Mormonen an.

Ohnehin ist die Bewegung in den USA eng mit christlich-konservativen – häufig auch rechtsradikalen – Wertvorstellungen verknüpft. Bei einer Veranstaltung der rechtspopulistischen Organisation Turning Point USA im Jahr 2024 beantworteten junge US-Ame­rikanerinnen die Frage „Wenn wir den Kulturkampf gewinnen wollen, wo müssen wir beginnen?“ im Chor mit: „Zu Hause!“ Danach hatte Lara Trump, Schwiegertochter des US-Prä­sidenten, ihren Auftritt. Man kann es bizarr finden, dass ausgerechnet reiche Promis wie Trump oder Neeleman jungen Frauen ein Lebenskonzept nahelegen, das für viele in finanzieller Abhängigkeit münden kann. Die unschönen Seiten des Haus­frauendaseins – unbezahlte Arbeit, chronischer Alltagsstress und soziale Isolation – kommen dabei selten zur Sprache.

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