Der Ruf der großen Häuser

Manche Orchester trotzen der oftmals beschworenen Klassik-Krise – etwa die Philharmoniker in Wien und Berlin. Was sind die Erfolgsrezepte, um das Publikum weiter in die renommierten Konzertsäle zu locken?

Der österreichische Dirigent Herbert von Karajan im Einsatz bei den Berliner Philharmonikern, die oft auf Erneuerung setzen.
Viele der großen Symphonieorchester, wie wir sie heute kennen, entstanden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie waren notwendig geworden, um die monumentalen Werke der Klassik und Romantik überhaupt interpretieren zu können. Die Dokureihe erzählt die Geschichte von vier Orchestern, die die Musikgeschichte geprägt haben. Der österreichische Dirigent Herbert von Karajan im Einsatz bei den Berliner Philharmonikern, die oft auf Erneuerung setzen. Foto: Unitel / Berliner Philharmoniker

Von wegen Krise der klassischen Musik: Die Abo-­Konzerte der Wiener Philharmoniker sind für die nächsten 13 Jahre ausverkauft, das Neujahrskonzert ist ein weltweites Fernseh-Ereignis und wird in 150 Ländern ausgestrahlt – mit mehr als 50 Millionen Zuschauern. Und das, obwohl das Orchester in einigen Klassik-Feuilletons durchaus kritisiert wird: zu schlampig, zu faul, zu arrogant. Und vor allen Dingen zu wenig Frauen am Pult. Doch sowohl der finanzielle als auch der öffentliche Erfolg geben Österreichs goldenem Vorzeigeorchester Recht. Die Wiener Philharmoniker trotzen der Klassik-Krise und beweisen, dass klassische Musik auch wirtschaftlich sein kann. Und das ganz ohne Chefdirigenten.

Famous Orchestras – Die besten Orchester der Welt

4-tlg. Dokureihe

Sonntag, 3.5.
— 15.35 Uhr
bis 9.10. auf arte.tv   

Während viele Orchester – besonders in den kleineren Städten Europas – um ihre Existenz ringen, um Publikum und öffentliche Zuschüsse, treten gerade große Ensembles in den europäischen Hauptstädten den Beweis an, dass klassische Musik noch immer internationale Strahlkraft haben kann. ARTE widmet den berühmten Orchestern in Berlin, Wien, Amsterdam und Frankreich deshalb im Mai einen Schwerpunkt, der ihre spezifischen Eigenheiten zeigt.

Der Markenkern der Wiener Philharmoniker ist die sehr strikte Bewahrung der Tradition, was sowohl in Österreich als auch auf Tourneen durch die USA oder Asien den Nerv einer sich immer schneller drehenden Welt trifft. Umso spannender, dass die Berliner Philharmoniker ihr Publikum mit genau entgegengesetzter Musik-Philosophie begeistern. Seit sich die Musikerinnen und Musiker 2015 in einer Abstimmung für ­Kirill ­Petrenko als Nachfolger von ­Simon ­Rattle entschieden haben, geht der neue Wege. Der Dirigent aus dem russischen Omsk verfolgt kein traditionalistisches „Weiter so“, sondern verlangt die andauernde Weiterentwicklung des Klanges, das akribische Abtauchen in anspruchsvolle Werke. Er steht für eine begeisternde, aber auch harte Arbeit im Weinberg der Musik und für die kompromisslose Ausweitung des Repertoires.

Auch die Jungen Leute kommen

So hat Petrenko die Berliner Philharmoniker mit einem Spagat aus Tradition und Moderne wieder an die Spitze der internationalen Orchesterwelt dirigiert und nicht nur in Berlin dafür gesorgt, dass auch junges Publikum wieder in die Konzerte pilgert.

Während die Wiener Philharmoniker durch die Bewahrung des Alten dem Zeitgeist trotzen, scheinen die Berliner Philharmoniker sich stets mit der Zeit zu bewegen und ein klingender Spiegel unserer Gesellschaft zu sein. Und das liegt auch in der historischen DNA des Ensembles. Unter ­Wilhelm ­Furtwängler haben die Berliner das romantische Vorkriegs-Pathos gepflegt, danach spiegelten sie unter ­Herbert von ­Karajan das auf Hochglanz polierte deutsche Wirtschaftswunder. ­Claudio ­Abbado verkörperte die Neuorientierung des Orchesters am Ende des Kalten Krieges, und ­Simon ­Rattle internationalisierte den alten Klang in der Zeit der Globalisierung. So wie die Berliner Philharmoniker, so klang Deutschland – schon immer.

Einen ähnlichen Anspruch erhebt auch das Orchestre National de France, das seit seiner Gründung 1934 die französischen Komponisten ­Claude ­Debussy und ­Maurice ­Ravel als musikalischen Nukleus benennt. Tatsächlich wird das Orchester zumindest einmal im Jahr zum Aushängeschild der Grande Nation, wenn es am 14. Juli vor dem Eiffelturm mit Feuerwerk und großer Show den Soundtrack Frankreichs anstimmt. Im Alltagsgeschäft ringt das traditionsreiche Radiorchester allerdings mit seinem Image. Chefdirigent ­Cristian ­Măcelaru soll im Jahr 2027 von ­Philippe ­Jordan abgelöst werden, der zuvor die Oper in Paris geleitet hatte. Viele Franzosen hoffen auf eine bewusste Rückkehr zum französischen Repertoire. Das wäre ein Gegenpol zum anderen großen Orchester Frankreichs, dem Orchestre de Paris, das unter Dirigenten wie ­Paavo ­Järvi, ­Daniel ­Harding und derzeit unter Klaus ­Mäkelä einen künstlerischen Höhenflug erlebt und die Radio-Konkurrenz in die Ecke drängt.

Mit oder ohne Dirigent?

Während die Wiener Philharmoniker zeigen, dass ein Orchester durchaus auch ohne Chefdirigenten auskommen kann, lässt sich bei Ensembles wie dem Radioorchester in Frankreich und dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam beobachten, dass die gesellschaftliche Positionierung eines Klangkörpers oftmals sehr wohl von jenem Menschen abhängt, der vorne den Takt angibt. So war es etwa der lettische Dirigent ­Mariss ­Jansons, der das Concert­gebouw Orchestra in den frühen 2000er Jahren zum besten Orchester der Welt entwickelt hat. Doch nach ­Jansons Abgang 2015 wirkte das Orchester einige Zeit orientierungslos. Mit ­Daniele ­Gatti hatte man zunächst offensichtlich auf den falschen Chef gesetzt und trennte sich im Streit. Es begann eine lange „Zwischenphase“, in der plötzlich auch die öffentliche Finanzierung des holländischen Vorzeige-­Ensembles zum Thema wurde. Die Kosten stiegen, die Einnahmen schrumpften. Jetzt wartet man in Amsterdam auf den Beginn einer neuen Ära: Bereits 2020 wurde der Finne Klaus ­Mäkelä als designierter Chef benannt, der seinen Job – wegen vieler anderer Verpflichtungen – erst 2027 antreten wird. Das Concertgebouw Orchestra nutzt das lange Interim, um sich zu konsolidieren. Inzwischen wartet ganz Holland auf den erneuten Höhenflug.

Die Wiener Philharmoniker
Foto: brandstaetter images / Hulton Archive / Getty Images

Die Traditionalisten:
Die Wiener Philharmoniker

Mahler, Bruckner oder Walzer? Niemand spielt diese Musik so erhaben wie die Wiener Philharmoniker, die 1842 gegründet wurden. Ihr samtener Streicherklang ist ebenso unverwechselbar wie der Sound von Wiener Horn und Oboe und der Pauke mit dem Ziegenfell – das gibt es nur an der Donau. Das Wohnzimmer des Orchesters ist der wohl schönste und akustisch beste Konzertsaal der Welt: der Goldene Saal (Foto) des Wiener Musik-vereins. Vor allen Dingen aber ist das Orchester dadurch geprägt, dass es sich als Verein selbst verwaltet.

Der Charakter Frankreichs: Das Orchestre National de France
Foto: INA / Kontributor / Getty Images

Der Charakter Frankreichs:
Das Orchestre National de France

Lyrisch, singend und melodisch fließend – das macht den Klang des Orchestre National de France aus. Das erst 1934 gegründete Ensemble hat bewiesen, dass klassische Ensembles sich stets neu positionieren können. Seit in Frankreich die Rundfunk-gebühren abgeschafft wurden, wird das Orchester komplett von Steuergeldern finanziert und musste sich unter öffentlichem Spardruck konsolidieren. Hier spielt der französische Violinist Devy Erlih (1928–2012) ein Solo.

Die Berliner Philharmoniker
Foto: ullstein bild / Getty Images

Der deutsche Soundtrack:
Die Berliner Philharmoniker

Kein Orchester verkörpert so sehr den Geist seines Landes wie die Berliner Philharmoniker. Nachdem ein 1876 errichteter Bau im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, erhielt das Orchester 1960 den Scharoun–Bau, die westdeutsche Antwort auf den Kulturkampf der Systeme. Hier pflegten die Chefdirigenten – im Bild -Willem -Mengelberg, der dem Orchester bis 1945 vorstand – den „typisch deutschen Klang“: dramatisch
und abgründig emotional.

Die Königlichen: Das Royal Concertgebouw Orchestra

Die steile Treppe mit dem roten Teppich ist legendär – über sie betreten Musiker die „Kathedrale des Royal Concertgebouw Orchestra“: die Bühne des Koninklijk Concertgebouw. Auch in Amsterdam wird die musikalische Tradition großgeschrieben. Das Orchester, das 1888 gegründet wurde, erhielt 100 Jahre später den Zusatz „königlich“. Es pflegt einen Schwerpunkt mit Werken der deutschen und französischen Romantik. Sein Klang: eher kühl und perfektionistisch.

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