Man kann nicht sagen, dass die USA zuletzt durch große Einigkeit aufgefallen sind. Das Land ist so polarisiert wie nie, eine Kontroverse folgt auf die nächste. In seltener Eintracht aber zeigten sich die Amerikaner gleich zweimal hintereinander während einer totalen Sonnenfinsternis. 2017 und 2024 verdunkelte sich die Sonne über Nordamerika – und das Naturspektakel lockte die Menschen in Scharen aus den Wohnzimmern und Büros.
88 Prozent der Erwachsenen beobachteten die Eklipse von 2017 laut einer Studie der Universität von Michigan. Das sind rund 215 Millionen Menschen, und damit nach Informationen der New York Times mehr Leute, als sich in den USA täglich die Zähne putzen. Kosmos schlägt Mundhygiene, wenn man so will. Wäre die verschattete Sonne eine Fernsehsendung, hätte sie die besten Einschaltquoten in der Geschichte des Landes eingefahren. Ein Blick in den Himmel genügte: für ein paar Minuten gemeinsamer Überwältigung, einen kurzen Moment Ausnahmezustand.
Einbruch der nacht, mitten am Tag
Der Masseneffekt überrascht nur ein bisschen, denn Sonnenfinsternisse faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Sie haben Politik beeinflusst und wissenschaftliche Theorien belegt, Künstler zu Werken inspiriert und es in allerlei Popsongs geschafft. Wer sie erlebt hat, berichtet von einer gewaltigen Wirkung: „Nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert wie in diesen zwei Minuten“, schrieb etwa der Dichter Adalbert Stifter über die totale Finsternis, die er 1842 von Wien aus sah. „Es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden.“
Tatsächlich gehört einiger Zufall dazu, dass das Phänomen überhaupt auftritt. Bei einer Sonnenfinsternis schiebt sich der Mond vor die Sonne und verdeckt sie, sein Schatten fällt auf die Erde. Dabei ist die Sonne etwa vierhundertmal größer als der Mond – aber auch vierhundertmal weiter von der Erde entfernt. Das Ganze funktioniert außerdem nur, wenn Neumond ist und Sonne, Mond und Erde genau auf einer Linie liegen. Was wiederum nur passiert, wenn der Mond einen der beiden Punkte kreuzt, an denen seine Bahn die Erdbahnebene schneidet. Einiges muss also stimmen, damit das Himmelsereignis eintritt. Es kommt zwar mehrmals im Jahr irgendwo auf der Erde zu Finsternissen, oft zu partiellen. Doch dass die Sonne vollständig bedeckt ist und mitten am Tag die Nacht einbricht: Das passiert am gleichen Ort nur etwa alle 375 Jahre.
Wenn sich am 12. August die Sonne in Teilen Europas verdunkelt, ist das also nichts Alltägliches. Der Schatten des Mondes wird sich dann mit hoher Geschwindigkeit über den Erdball bewegen. Diese Totalitätszone, also der geografische Bereich, in dem die Sonne komplett überdeckt wird, zieht unter anderem über Island und Spanien. In der Schweiz verschwinden voraussichtlich 92 Prozent der Sonne, in München rund 89 Prozent. In der Totalität erwartet die Menschen dann ein kurioses Schauspiel: Es wird dunkel, Wind zieht auf, plötzlich stehen Sterne am Himmel. Tiere suchen sich ein Nachtquartier und Blumen schließen ihre Kelche. Farben wirken bleiern und matt, die Umgebung unwirklich. „Die Sonne ging, und die Welt war falsch. Die Gräser waren falsch; sie waren platinfarben. Jedes Detail von Halm, Ähre und Blatt glänzte lichtlos und künstlich scharf umrissen.“ So beschrieb es 1982 die US-amerikanische Schriftstellerin und Pulitzerpreisträgerin Annie Dillard, der es während einer totalen Finsternis vorkam, als stehe sie in einem verblassten Farbfilm aus dem Mittelalter.
Die seltsame Kolorierung entsteht, weil die Sonne nicht wie in der Abenddämmerung durch einen immer größeren Teil der Atmosphäre scheint, sondern hoch am Himmel steht. „Es ist nicht die Dämmerung, die wir kennen“, sagt der As-trophysiker Joachim Wambsganß von der Universität Heidelberg im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Wenn die Sonne untergeht, färbt sich der Himmel rötlich. Während einer totalen Sonnenfinsternis herrscht dagegen ein bläuliches, grünliches Licht. Das ist für uns komplett ungewohnt.“ Erleben kann man diesen Effekt aber nur, wenn die Sonne ganz verschwindet. Denn der Unterschied zwischen einer teilweisen und einer totalen Finsternis ist dramatisch, so Wambsganß. „99,5 Prozent sind nichts gegen 100 Prozent.“
Sobald die Sonne vollständig verdeckt ist, wird die äußere Schicht ihrer Atmosphäre sichtbar: die Korona, die nun wie ein Lichtkranz am Himmel steht. Weil diese extrem heiße Gashülle nur in einem solchen Moment zu erkennen ist, interessieren sich Forschende für den kosmischen Blackout. Mit Sonden versuchen sie etwa, mehr über die Beschaffenheit der Sonne herauszufinden, wie die ARTE-Dokumentation „Totale Sonnenfinsternis – Europa im Mondschatten“ zeigt.
Sowieso hat das Himmelsspektakel schon früh den Forschungsgeist befeuert. Bereits die Babylonier besaßen Systeme, um das Eintreten einer Finsternis zu berechnen. Sie kannten den Saros-Zyklus, wonach sich ähnliche Eklipsen in einem Rhythmus von rund 18 Jahren wiederholen. Die wohl folgenreichste Sonnenfinsternis aber ereignete sich 1919. Sie brachte nicht weniger als eine wissenschaftliche Revolution: Dem Briten Arthur Eddington gelang es, Bilder zu schießen, die zeigten, dass die am Taghimmel stehenden Sterne verschoben erschienen. Das belegte die kurz zuvor von Albert Einstein aufgestellte Relativitätstheorie, nach der Masse die Raumzeit krümmt: Das Gravitationsfeld der Sonne hatte das Licht der Sterne abgelenkt. Der Befund machte Einstein mit einem Schlag weltberühmt. Und änderte unser Verständnis von Raum und Zeit.
Beschäftigt hat das Phänomen Sonnenfinsternis die Menschen aber schon seit Urzeiten. In vielen Kulturen galt es als Gotteswink oder böses Omen. Im antiken Assyrien setzte man deshalb sogenannte Ersatzkönige ein, um Herrscher während einer Finsternis zu schützen. Überraschend einhellig fürchtete man in vielen Ecken der Welt, die Sonne könne gegessen werden: In China hatte es ein Drache auf sie abgesehen, in der nordischen Mythologie ein Wolf, bei den Azteken ein Jaguar, in Vietnam ein Frosch. Und selbst politische Durchschlagskraft kam dem Lichtspiel zu. Nach Aufzeichnungen des griechischen Geschichtsschreibers Herodot beendeten die Armeen der Lyder und Meder um 585 v. Chr. an Ort und Stelle einen jahrelangen Krieg, als sich eines Nachmittags die Nacht über ihr Schlachtfeld legte. Eine schöne Vorstellung: Frieden durch ein Naturereignis.
Dass das Geschehen derart wirkt, dürfte damit zu tun haben, dass sich praktisch alles Leben auf der Erde nach der Sonne richtet. „Sie ist unser nächster, wichtigster Stern. Die Sonne organisiert unsere gesamte Biologie, unseren Schlaf- und Wachrhythmus. Sie sorgt für Sichtbarkeit, Fruchtbarkeit, Ernte“, sagt die Kunsthistorikerin Henrike Lange von der Universität Berkeley und Mitherausgeberin des Buchs „Eclipse and Revelation: Total Solar Eclipses in Science, History, Literature, and the Arts“ (2024), im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Darum empfinden wir ihr Verschwinden als existenzielle Bedrohung. Es löst bei Menschen und Tieren instinktiv eine tief verwurzelte Sorge aus.“ Dass wir die Mechanismen der Finsternis heute gut kennen, hat an dieser Ehrfurcht wenig geändert. Es bleibt ein schwer fassbarer Gedanke: plötzlich im Dunkeln zu stehen, weil ein Himmelskörper aus dem Weltall seinen Schatten auf unseren Planeten wirft.
Wetter und Verschwörung
Da verwundert es wenig, dass die Eklipse längst zum medialen Großevent geworden ist. Wie 1999, als eine totale Sonnenfinsternis auch in Teilen Deutschlands stattfand: Manche fieberten ihr entgegen, andere sorgten sich. Der Designer Paco Rabanne fürchtete, die Raumstation Mir würde auf Paris fallen. Bekanntlich geschah nichts dergleichen. Doch auch von der Eklipse war mancherorts wenig zu sehen, weil Regen und Wolken dazwischenkamen. Schnödes Wetter, der Endgegner aller Himmelsbeobachter. Ein paar Verschwörungstheorien zum Thema waren zuletzt auch in den USA zu hören. Weil die Totalitätsschneisen der Finsternisse von 2017 und 2024 wie ein Kreuz über das Land liefen, vermuteten manche einen üblen Plan. Prinzipiell aber überwog die Faszination. „Es war das erste Ereignis seit Langem, bei dem sich alle einig waren“, sagt Henrike Lange. Und eins, bei dem nicht alle auf einen Bildschirm schauten. Sondern einfach mal in den Himmel. Mit Schutzbrille, versteht sich.
Das Verschwinden der Sonne löst eine tief verwurzelte Sorge aus









