Wale singen, Präriehunde pfeifen, Meisen zwitschern, für das menschliche Ohr unhörbar senden Fledermäuse im Ultra- und Elefanten im Infraschallbereich. Dabei sind all die Tonsignale zu Wasser, zu Lande und in der Luft ihrerseits nur eine Facette tierischer Verständigung. Die ARTE-Dokureihe „Die Sprache der Tiere“ erweitert das Spektrum um Ausdrucksformen wie Körperbewegungen, Düfte oder Licht. Diese multimodale, also Mehrkanal-Kommunikation, bei der unentwegt diverse Programme nebeneinander laufen, ist eine Parallele zum Menschen. Auch bei uns transportiert das gesprochene Wort nur einen Bruchteil der Botschaft, den großen Rest vermitteln die Art und Weise, wie wir reden, sowie Mimik und Gestik. Was vor einem halben Jahrhundert der US-österreichische Psychologe Paul Watzlawick als ersten seiner fünf Grundsätze – Axiome genannt – formulierte, gilt in der Menschen- wie Tierwelt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Auf die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal menschlicher Sprachfähigkeiten stößt die Wissenschaft bei der Erforschung tierischer Kommunikation immer wieder. „Affen kommunizieren, Menschen reden und haben Sprache“, brachte es die Neuropsychologin Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig mit Blick auf unsere engsten Verwandten – Primaten wie Schimpansen oder Bonobos – vor Jahren auf den Punkt. Lange Zeit ging man davon aus, dass sich eine für die Sprachentwicklung maßgebliche Verbindung von Hirnarealen erst nach Aufspaltung evolutionärer Linien ausschließlich bei unmittelbaren Menschenvorfahren gebildet hatte. Im Frühjahr 2025 aber veröffentlichte ein Team desselben Leipziger Instituts um den Neurowissenschaftler Yannick Becker im Fachmagazin Nature Communications neue Untersuchungsergebnisse: Die für Sprache notwendigen Nervenfaserstränge sind bei Schimpansen sehr wohl vorhanden – nur eben wesentlich schwächer ausgeprägt als bei Menschen.
Tierarten, die deutlich weniger nah mit uns verwandt sind, gelingt die Imitation menschlicher Sprache besser als Menschenaffen. Bei Papageien und anderen Vögeln ist das bekannt. Die Verhaltensbiologin Angela Stöger-Horwath verweist aber auch auf verblüffende Beispiele wie etwa einen Elefanten, der koreanische Wörter artikuliert, oder einen Belugawal, der Taucher nachahmt. Wobei sich die vielschichtige Kommunikation von Tieren nicht allein an ihrer Fähigkeit messen lässt, auf Menschen zu reagieren oder sie zu imitieren. Für Komplexität in der Kommunikation „gibt es keine Skala“, stellt die Professorin für Zoo Conservation Science an der Universität Wien im Gespräch mit dem ARTE Magazin klar. Konzentriere man sich etwa nur auf die Akustik, „wird man vielleicht einem Tier nicht gerecht, das sehr differenziert Gerüche wahrnimmt“. Elefanten beispielsweise, zu denen Stöger-Horwath seit Jahrzehnten forscht, hätten nach heutigem Wissensstand „die beste Nase im Tierreich“.
Muster erkennen – Auch mit KI
Bei der Entschlüsselung von Codes und Zeichen tierischer Kommunikation ist die Zusammenarbeit vieler wissenschaftlicher Disziplinen gefragt. Datenbanken und künstliche Intelligenz (KI) eröffnen derzeit neue Wege, so gibt es Tech-getriebene Initiativen wie das 2018 ins Leben gerufene Earth Species Project. KI könne Muster erkennen, Cluster bilden und Hypothesen etwa zu bestimmten Lauten aufstellen, erläutert die Expertin.
Allzu hohe Erwartungen an die Technik dämpft sie. Es gebe zwar Projekte, die auf einen Dolmetscher hoffen, „und ich bin schon so oft in der Wissenschaft überrascht worden, dass ich niemals nie sage“, meint Stöger-Horwath. Sie selbst verfolge jedoch einen anderen Ansatz: Ihr geht es um Artenschutz. Auf einem Planeten, auf dem der Mensch stetig mehr Platz beanspruche, sei Koexistenz entscheidend. Wir müssten verstehen, „was Tiere wirklich brauchen, was sie uns signalisieren – und dann unser Verhalten entsprechend anpassen“. Vielleicht kann man sich das vorstellen wie bei einer Interessengemeinschaft irgendwo in Afrika. Oben im Baum sitzen Primaten, deren artspezifische Alarmrufe auch unten grasende Antilopen und Zebras kennen, man warnt sich gegenseitig und zeigt umgekehrt an, wenn eine Gefahr vorüber ist. Denn, so Angela Stöger-Horwath: „Keine Art lebt in einer Bubble.“







