Ein letztes Mal dreht sich Jawad um. Hinter ihm: Trümmer, Leichen, verbrannte Erde. Vor ihm: der Weg ins Ungewisse. Er ist einer von fünf Menschen, die der Film „Khartoum“, den ARTE im Januar zeigt, begleitet. Ein Mann, der als Widerstandskämpfer einst für die demokratische Zukunft seines Landes auf die Straße ging.
Was Jawad erlebt, sind die Folgen eines blutigen Krieges, der weit über die Stadt Khartoum hinausreicht. Seit April 2023 wird überall im Sudan, dem drittgrößten Flächenstaat des afrikanischen Kontinents, gekämpft. Kriegsrecht, Moral und Menschlichkeit spielen offenbar keine Rolle mehr. Mehr als 150.000 Menschen sind seit Ausbruch der Kämpfe nach Schätzungen von Beobachtern ums Leben gekommen, 12 Millionen auf der Flucht. UN-Organisationen sprechen von der weltweit größten Vertreibungskrise und einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der Gegenwart.
Die sudanesische Armee (SAF) unter General Abdel Fattah al-Burhan kämpft gegen die Rapid Support Forces (RSF), eine mächtige paramilitärische Miliz unter Kommandeur Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemedti. Der Krieg führte zum Kollaps der staatlichen Strukturen, die Zivilbevölkerung steht schutzlos zwischen den Fronten. „Diese Leute bringen jeden um, sie haben keine Seele“, sagt Jawad über die Milizen, die sein Viertel überrannten. Wie konnte es so weit kommen? „Der Krieg begann als Machtkampf zwischen zwei fast gleich großen Streitkräften“, erklärt die Hamburger Politikwissenschaftlerin und Sudanexpertin Hager Ali im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Beide wollten die Kontrolle über den Staat und die Zukunft des Landes.“ Auslöser für die Kämpfe war schließlich eine sogenannte Sicherheitsreform – ein Versuch, die RSF in die reguläre Armee zu integrieren, um die Machtverhältnisse neu zu ordnen. Er scheiterte.
Russlands doppeltes Spiel
Beide Kriegsparteien kontrollieren Teile des Bergbaus, Schmuggelrouten und Miliznetzwerke – und beide werden massiv von ausländischen Staaten finanziert, mit Waffen ausgestattet und politisch unterstützt. Zu den einflussreichsten Akteuren zählen die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Ägypten und Russland. Sie alle verfolgen im Sudan eigene Interessen – geostrategisch, wirtschaftlich und religiös motiviert. „Die Emirate unterstützen die RSF, weil sie sich dadurch unter anderem Zugang zu Gold und zum regionalen Waffenhandel sichern“, sagt Ali. „Sie agieren in einem Netzwerk mit Russland und dem libyschen Warlord Khalifa Haftar.“ Gold aus von der RSF kontrollierten Minen gelangt über zwielichtige Zwischenhändler in die Emirate, wo es gewaschen, neu etikettiert und in den globalen Handel eingespeist wird. „Sudanesisches Gold fließt in den Weltmarkt, ohne dass erkennbar ist, dass es aus einem Kriegsgebiet stammt“, sagt Ali.
Saudi-Arabien versucht hingegen, seinen Einfluss am Roten Meer zu sichern. Zwischen der saudi-arabischen Stadt Dschidda und Port Sudan liegen nur wenige Hundert Kilometer Seeweg. Riad versucht daher, zwischen den militärischen Lagern zu vermitteln – aber nicht ohne eigene Agenda. „Saudi-Arabien bevorzugt stabile, autoritär geführte Staaten am Roten Meer“, betont Ali. „Es geht um Schiffsrouten, Sicherheitsarchitektur und geopolitische Kontrolle.“
Ägypten wiederum steht klar an der Seite der sudanesischen Armee. Kairo fürchtet, ein Sieg der RSF könne den ohnehin instabilen Süden weiter destabilisieren und Millionen Geflüchtete über die Grenze treiben. Die Streitkräfte beider Länder sind zudem seit Jahren eng verflochten und trainieren gemeinsam.
Derweil verfolgt Russland laut Analysten im Sudan ein kalkuliertes Doppelspiel und unterstützt sowohl die RSF als auch die sudanesische Armee. Dahinter steckt offenbar ein langfristiger strategischer Plan: „Für Russland ist der Sudan Teil seiner Afrika-Strategie“, sagt Hager Ali. „Gold ist sanktionsresistent – man kann es nicht einfrieren. Es finanziert Moskaus Krieg gegen die Ukraine.“ Schon vor Kriegsbeginn operierte die Wagner-Gruppe im Sudan – eng mit der RSF vernetzt und tief in den Goldhandel verstrickt. „Wagner hat die RSF logistisch unterstützt, Waffen geliefert, Söldner geschickt“, sagt Ali. Nach dem Tod von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin im Jahr 2023 wurden die Einheiten in das russische Verteidigungsministerium eingegliedert und firmieren nun als sogenanntes „Afrika-Korps“. „Dadurch konnte Moskau offiziell beide Seiten bedienen “, so die Politikwissenschaftlerin. „Russland liefert Waffen an die sudanesische Armee und bezieht Gold über die RSF.“ Zugleich verhandelt der Kreml über den Bau einer Marinebasis am Roten Meer, nahe Port Sudan – ein geostrategischer Vorposten, der Russland einen direkten Zugang zu Afrika und den globalen Handelsrouten verschaffen würde.
Während ausländische Mächte ihren Einfluss ausbauen, stocken humanitäre Hilfen und diplomatische Initiativen. „Wir haben kaum verlässliche Informationen aus vielen Gebieten“, sagt Ali. „Hilfsorganisationen werden angegriffen, das Internet fällt regelmäßig aus, die Zivilbevölkerung ist praktisch unsichtbar.“
Jawad, der Protagonist aus dem Film, hat es nach Kairo geschafft, doch seine Gedanken sind im Sudan. „Khartoum bedeutet mir alles“, sagt er. „Der Krieg hat mich gelehrt, dass nichts wichtiger ist als meine Heimat.“ Trotz der Zerstörung hat er Hoffnung: „Diese Tragödie wird ein Ende haben.“







