Stellen Sie sich vor, Sie bekämen jeden Monat eine Million Euro geschenkt. Sie besäßen also nach einem Jahr zwölf Millionen Euro, nach zwei Jahren 24 Millionen – und so weiter. Und nun schätzen Sie: Über wie viele Jahre müsste diese monatliche Schenkung laufen, bis Sie so vermögend wären wie der reichste Mann Deutschlands? Die Antwort sprengt jede Vorstellungskraft: Es sind nicht 50, nicht 100 und auch nicht 1.000 Jahre, sondern 4.833. Eine enorme Zeitspanne, doch sie hilft, die Dimensionen sehr großer Vermögen greifbarer zu machen. Denn die Summe von 58 Milliarden Euro ist kaum vorstellbar. So hoch wird das aktuelle Vermögen des Lidl-Gründers Dieter Schwarz geschätzt, der laut Manager Magazin offiziell als reichster Mann Deutschlands gilt. Gemeinsam mit rund 5.000 weiteren Superreichen – also Personen, die mehr als 100 Millionen Dollar (rund 86 Millionen Euro) besitzen – hält Schwarz laut einer Erhebung der Boston Consulting Group mehr als ein Viertel des deutschen Finanzvermögens. Nimmt man die 700.000 Multimillionäre der Bundesrepublik hinzu, besitzt diese kleine Gruppe bereits 52,8 Prozent.
Der ärmeren Hälfte der Bevölkerung gehört dagegen kaum etwas: Ihr Anteil am Gesamtvermögen – also einschließlich Immobilien und anderer Sachwerte – beträgt je nach Daten gerade einmal 1,5 bis 2,5 Prozent. „In den 1970er Jahren war dieser Anteil noch doppelt so hoch“, sagt die Wirtschaftsjuristin Julia Jirmann vom Netzwerk Steuergerechtigkeit im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Doch wie in vielen anderen Demokratien sei die Zahl der Superreichen und ihre Vermögen seither stark gewachsen, während der Vermögensanteil der ärmeren Bevölkerungshälfte immer weiter schrumpfe. Einer der Gründe liegt laut Jirmann in der Logik der Finanzmärkte: Große Vermögen erzielen dort häufig höhere Renditen und wachsen dadurch schneller. Hinzu komme ein Steuersystem, das Arbeitseinkommen vergleichsweise hoch besteuere, sehr große Vermögen und Unternehmen dagegen schone. So wird in Deutschland seit 1997 keine Vermögenssteuer mehr erhoben und die Unternehmenssteuer wurde seither nahezu halbiert.
Die Wurzeln dieser Steuerpolitik liegen in den Vereinigten Staaten. Dort leitete Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel ein: Er senkte den Spitzensteuersatz von ehemals 70 auf 28 Prozent und die Unternehmenssteuer von 46 auf 34 Prozent. Um die breite Mehrheit für die Reformen zu gewinnen, von denen vor allem die Wohlhabenden profitierten, propagierten wirtschaftsliberale Thinktanks und Lobbyverbände den sogenannten Trickle-down-Effekt („Sickereffekt“). Das Versprechen: Steuerentlastungen für Vermögende kämen der Allgemeinheit zugute, weil sie zu mehr Investitionen, Wachstum und Arbeitsplätzen führten. Wie die ARTE-Dokumentation „Tax me (if you can!)“ zeigt, blieb dieser Effekt jedoch weitgehend aus – in den USA ebenso wie in anderen Ländern, die Reagans Kurs folgten. Tatsächlich sei sogar das Gegenteil geschehen, sagt Jirmann: „Große Vermögen konzentrieren sich seither immer stärker, weil das Steuersystem insbesondere bei den sehr großen Vermögenseinkommen kaum noch umverteilt.“
Wie ungleich die Steuerlast heute verteilt ist, zeigen neue Erhebungen aus Italien, Frankreich, Schweden, Brasilien, den Niederlanden und den USA. Während Arbeitseinkommen dort bis zu einer bestimmten Höhe progressiv besteuert werden, fällt der effektive Steuersatz bei Vermögen von mehreren Hundert Millionen Dollar drastisch ab. Milliardäre zahlen demnach prozentual weniger Steuern als Handwerker, Ärztinnen oder Lehrer. Der französische Ökonom Gabriel Zucman bringt diese Schieflage auf eine einfache Formel: Wer einen Euro durch Arbeit verdient, gibt davon im Schnitt 50 Cent an den Staat ab. Wer dagegen ein Milliardenvermögen besitzt, zahlt nur etwa 25 Cent. „Bis vor Kurzem war das Ausmaß dieses Problems unbekannt“, sagt Zucman in der ARTE-Dokumentation. Erst die Zusammenarbeit von Forschenden und Steuerbehörden verschiedener Länder schaffe allmählich mehr Transparenz. Für Deutschland – das Land mit der vierthöchsten Zahl an Millionären weltweit – fehlt Zucman zufolge jedoch weiterhin eine umfassende Datengrundlage. Die exakte Besteuerung der Superreichen bleibe ein „blinder Fleck“.
Das Problem der lückenhaften Daten kennt auch Julia Jirmann. Die Vermögen der Mittelschicht sind laut der Expertin zwar recht genau erfasst: Häuser würden über die Grundsteuer bewertet, Bankenregister gäben Auskunft über private Spareinlagen. Die Vermögen der Superreichen, die häufig in Unternehmensanteilen, am Kapitalmarkt oder in Family Offices gebunden sind, blieben hingegen in Teilen intransparent. Die Ungleichheitsforschung stütze sich deshalb auf sogenannte Reichenlisten, die von Journalisten recherchiert werden. „Das sind keine wissenschaftlichen Daten“, betont Jirmann, „aber es sind die besten, die wir haben.“ Im Rahmen einer Studie sei sie kürzlich auf eine auffällige Lücke gestoßen: Das größte Vermögen Deutschlands werde in der Reichenliste des Manager Magazins nicht aufgeführt, weil die Familie sich vor 15 Jahren juristisch dagegen gewehrt habe. Auch diesen Fall könnte man als Beispiel aufführen, wie Superreiche die öffentliche Wahrnehmung nach Gutdünken beeinflussen. Im EU-Vergleich gehört Deutschland – auf Basis der Schätzungen – zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit. Für Jirmann hat diese Entwicklung längst nicht mehr nur wirtschaftliche Folgen. Sie sieht auch die Demokratie unter Druck: „Wenn die Lobbyorganisationen der Superreichen zu viel Einfluss auf die Politik gewinnen, wird aus Interessensvertretung Machtausübung im Sinne weniger.“ Wohin das führen könne, sehe man am Beispiel der USA, wo Milliardäre nicht nur Lobbyismus betreiben, sondern mittlerweile selbst höchste politische Ämter bekleiden.
Vertrauen in die Demokratie stärken
Während in den USA sogenannte Selfmade-Milliardäre laut einer Auswertung des US-Wirtschaftsmagazins Forbes mit 73 Prozent den größten Teil der Superreichen stellen, spielt in Deutschland die Weitergabe von Vermögen durch Erbschaften die größte Rolle. Der Auswertung zufolge haben etwa drei Viertel der Milliardäre hierzulande ihr Vermögen geerbt. Verstärkt wird diese Entwicklung durch ein Erbschaftssteuerrecht, das insbesondere bei großen Unternehmensvermögen Ausnahmen und Steuervorteile vorsieht. Wer heute in Deutschland geboren wird, so Jirmann, könne durch herausragende Leistung am Arbeitsmarkt kaum noch so reich werden, wie es die Erben der Superreichen von vornherein sind. Das sei auch aus wirtschaftlicher Perspektive problematisch: Sogenannte Erbengesellschaften würden langfristig an Dynamik verlieren.
Neben einer Reform der Erbschaftssteuer – insbesondere im Bereich großer Unternehmenserbschaften – befürwortet die Expertin deshalb eine Vermögenssteuer von zwei Prozent auf Vermögen ab 100 Millionen Euro. Je nach Ausgestaltung könne der Staat damit jährlich 15 bis 25 Milliarden Euro einnehmen. „Mit dieser Summe retten wir Deutschland nicht aus der Krise“, betont Jirmann. Ein gewisses Entlastungspotenzial für den Staatshaushalt sei damit aber durchaus verbunden. Befürchtungen, eine solche Steuer würde zu massenhafter Kapitalflucht und der Abwanderung von Unternehmen führen, teilt sie nicht. „Milliardäre setzen sich nicht ins nächste Flugzeug und fliegen mit ihrem Vermögen weg“, sagt sie. Zudem verfüge der Staat über Instrumente, um solche Umgehungen zu begrenzen – etwa durch die sogenannte Exit Tax, die bestimmte Vermögenswerte auch nach einem Wegzug ins Ausland erfasst.
Das wichtigste Argument für eine höhere Besteuerung der Superreichen ist für Jirmann jedoch nicht fiskalischer Natur. Entscheidend sei die gesellschaftliche Signalwirkung: Derzeit sei es vor allem die breite Bevölkerung, die von der Inflation betroffen sei und die Lasten der Sozialsysteme trage. Das untergrabe nicht nur das Vertrauen in die Steuergerechtigkeit, sondern auch das Vertrauen in die Demokratie. Wer von den wirtschaftlichen und politischen Strukturen eines Landes besonders profitiert, müsse sich auch stärker an ihrer Finanzierung beteiligen. „Eine Vermögenssteuer löst nicht alle Probleme“, sagt Jirmann. „Aber sie wäre ein wichtiger Schritt für mehr demokratische Gerechtigkeit.“





