Die Welt wird langsamer, der Körper leicht – beinahe schwerelos. Alles um einen herum verschwimmt. Es passiert in den heute selten gewordenen Momenten, wenn man entspannt im Zug sitzt und die Landschaft am Fenster vorbeizieht. Oder wenn man in sich versunken tanzt. Der Kopf driftet ab und plötzlich ist man ganz woanders: In einem Zustand, in dem sich das Gefühl für Zeit und Raum verschiebt. Diese kleinen Aussetzer im Alltag, bei denen die Hirnwellenfrequenz messbar unter den normalen Wachbereich fällt, suchen uns meist unbewusst heim. Sie erinnern an eine Trance, auch wenn man dabei ansprechbar bleibt. Lässt sich dieser Zustand gezielt trainieren, um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu tanken?
Unter Trance versteht die Medizin einen Bewusstseinszustand mit stark eingeschränkten Sinneswahrnehmungen. Reize aus der Umgebung werden nicht mehr wahrgenommen, die Aufmerksamkeit wird von außen nach innen verlagert, das logische Denken vorübergehend ausgeschaltet. Meditation oder Musik können dabei helfen, diesen Zustand zu erreichen, ebenso Hypnose oder therapeutische Suggestion.
Das Phänomen der Trance ist so alt wie die Menschheitsgeschichte und wird bis heute in unterschiedlichen Kulturen rituell herbeigeführt: von Zeremonien, begleitet von Gesang und Tanz, bis hin zu Partys mit elektronischer Trance-Musik ab den 1990er Jahren. In Brasilien etwa gehören Trance-Praktiken bis heute zu bestimmten religiösen Ritualen. Dort finden Menschen in sogenannten Séancen zusammen – auch „Seelenreisen“ genannt – und lassen sich vom Rhythmus tragen, bis sich Geist und Körper spürbar verändern. Die Dokumentation „Trance – Die Heilkraft der inneren Reise“, die ARTE im Mai zeigt, ergründet das Phänomen auf Grundlage des heutigen Wissenschaftsstandes. Dabei nimmt sie auch schamanische Praktiken in den Blick, bei denen die Trance mithilfe psychoaktiver Substanzen herbeigeführt wird. So nutzen die Anhänger der katholischen Santo-Daime-Gemeinde in Brasilien den Saft der Ayahuasca-Pflanze, deren psychoaktive Wirkstoffe in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Doch auch ohne den Einsatz solcher Substanzen lässt sich Trance herbeiführen. Forscher haben beobachtet, dass sich in Trance Prozesse im Gehirn verändern und neue neuronale Verbindungen entstehen. Die Neurowissenschaft hat erst vor wenigen Jahren begonnen, das Potenzial dieses besonderen Zustands systematisch zu untersuchen und sie in einem klinischen psychologischen Rahmen einzusetzen. Inzwischen weiß man: Ein verändertes Bewusstsein kann innere Blockaden lösen und neue Perspektiven eröffnen – genau darin liegt auch der therapeutische Ansatz. Die sogenannte Hypnotherapie ist eine gängige Methode, um Patienten und Patientinnen dabei zu unterstützen, Ängste zu regulieren oder belastende Muster zu durchbrechen. Mittlerweile wird die Hypnose in vielen medizinischen Bereichen angewandt – neben der Psychotherapie etwa in der Gynäkologie und Zahnmedizin oder als begleitende Maßnahme in der Onkologie. Besonders in der Verhaltenstherapie wird ihr Einsatz bei Depressionen und Suchterkrankungen untersucht. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tranceprozesse psychische Stabilisierung fördern und stimmungsaufhellende Effekte haben können. „Insbesondere zur Begleitung von medizinischen Eingriffen hat sich die Hypnose bewährt“, sagt der Mediziner Michael Teut, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie, im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Sie kann Angst und Schmerzen reduzieren. Durch die körperliche Entspannung ist es außerdem möglich, positive gesundheitliche Veränderungen innerlich zu simulieren.“
Weniger Stress im Alltag
Laut Teut lässt sich Trance mit etwas Übung auch im Alltag integrieren. Gerade jetzt, da viele Menschen unter dauerhafter Reizüberflutung stehen und To-do-Listen abarbeiten, wachse die Sehnsucht nach Momenten der Ruhe. Teut rät jedoch, Trance nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie in professionell begleiteten Sitzungen zu erlernen. In einer von ihm und seinem Team geführten Hypnostress-Studie an der Charité in Berlin haben Teilnehmende trainiert, in herausfordernden Situationen innere Ressourcen gezielt zu aktivieren. „In der Selbsthypnose lernen sie dann, innere Ruhe auch im Wachzustand schnell abzurufen – über sogenannte Ankersignale.“ Zu den Methoden zählen Schlüsselwörter, Atemtechniken und Blickfixierungen. Nach fünf Wochen berichteten die Teilnehmenden der Hypnosegruppe, dass sie deutlich weniger Stress empfanden als zu Beginn der Studie. Je nach Zielsetzung könne der Zustand als mentale Regeneration wirken: erfrischend, entspannend oder stabilisierend.
Dabei finden nicht alle Menschen einen Zugang zu Trance. „Etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen scheitern“, sagt Teut. „Die Gründe dafür können genetisch bedingt sein, oder es kann an der Hypnosetechnik oder am Vertrauensverhältnis zum Therapeuten liegen.“ Die meisten Menschen seien aber trance-fähig – vor allem jene, die offen für neue Erfahrungen sind.





