Es gibt Menschen, die man sich nicht als Soldaten im Krieg vorstellen kann. Dmytro Dokunov war so ein Mensch: Der ukrainische Künstler ist Anhänger der hinduistischen Hare-Krishna-Bewegung, ernährt sich vegetarisch und lebt eigentlich in einer Hippie-Gemeinschaft auf dem Land, die er selbst gegründet hat. Zuvor reiste er durch Indien und wandelte dort Statuen von Mahatma Gandhi in digitale 3D-Kunstwerke um.
Rückblickend wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, dass er sich ausgerechnet mit Gandhi so intensiv beschäftigt hat – jenem weltberühmten Pazifisten, der jede Form von Gewalt ablehnte, selbst im Verteidigungsfall. Denn als Dokunov im März 2022, kurz nach dem Überfall der Ukraine durch Russland, zum Kriegsdienst einberufen wurde, entschied er sich anders, als Gandhi es vorlebte: Er zog in den Kampf, um sein Heimatland militärisch gegen die Aggressoren zu verteidigen.
Es war eine extrem schwierige Entscheidung“, sagt Dokunov im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Ich hatte Angst, dass der Kriegsdienst einen anderen Menschen aus mir machen würde – kälter, härter, weniger empathisch.“ Doch er habe keine Wahl gesehen angesichts der Tatsache, dass die Menschen, die er liebte, angegriffen wurden. Um im Dialog mit sich selbst zu bleiben, begann er, ein Videotagebuch über den Krieg zu führen. Das entstandene Filmmaterial hat er nun zu einem Dokumentarfilm verdichtet, den ARTE im Februar zeigt.
Im Sommer 2022 kommt Dokunov für ein Militärtraining in ein verstecktes Lager im Norden des Landes. Die Szenen, die er dort einfängt, wirken abenteuerlich: Junge Männer mit schweren Stiefeln robben durch Schlamm, kapern ein Floß, hieven sich gegenseitig über meterhohe Hindernisse. „Das Camp ist wie ein Pfadfinderlager für große Jungs“, spricht er in die Kamera. „Wir haben Spaß!“
Als die Truppe an die Front muss, wird aus Spaß brutale Realität. Eine geplante Gegenoffensive im russisch besetzten Cherson endet katastrophal: Nur vier der 15 Männer erreichen den Stützpunkt, alle anderen werden auf dem Weg getötet oder gelten als vermisst. Dokunov steht unter Schock – doch zum Trauern bleibt keine Zeit. „Ich bin jetzt Teil dieses Krieges“, sagt er tonlos in die Kamera.
Im Laufe des Films sterben weitere Kameraden, andere werden schwerst verwundet. Dokunov entscheidet sich, ihre Leichen im Film nicht zu zeigen. „Die Würde meiner Kameraden zu wahren, war mein oberstes Gebot“, sagt er. Doch er filmt sich selbst unmittelbar nach den Kämpfen – und wirkt mit jedem weiteren getöteten Kameraden teilnahmsloser, als hätte er das Sterben als Teil seiner neuen Realität akzeptiert. Auch seine Sprache verändert sich: Während er vor dem Einsatz noch sagte, er wolle „auf keinen Fall einen Menschen töten“, spricht er bald im Militärjargon. „Unser Ziel ist es, den Feind auszuschalten“, sagt er in einer Szene. Das sei einfacher, als man denkt: „Du zielst einfach und drückst ab. Ohne einen Moment des Zweifels.“
Abstumpfen als Überlebensstrategie
Man fragt sich als Betrachtende, ob es den sanftmütigen Mann von vor dem Einsatz noch gibt. Doch ohne abzustumpfen, das macht der Dokumentarfilm einmal mehr klar, lässt sich Krieg wohl nicht überleben – auch dieser nicht. Zu brutal ist das Vorgehen der russischen Truppen, die ohne Rücksicht auf Verluste nachrücken. „Die schicken ihre Männer in den Tod. Sobald wir welche ausschalten, kommen die nächsten nach“, sagt einer von Dokunovs Kameraden in Bachmut, wo das Bataillon gegen eine Wagner-Gruppe kämpft. Die hochkant gefilmten Aufnahmen erinnern an die Videos, die seit Kriegsbeginn auf TikTok kursieren. „WarTok“ nennen sich diese Selfmade-Frontberichte, die Soldatinnen und Soldaten mit dem Smartphone filmen und in sozialen Netzwerken teilen. Experten bewerten die teils millionenfach geklickten Videos als ambivalent: Einerseits machen sie das Grauen des Krieges unmittelbar sichtbar und erhöhen den politischen Handlungsdruck. Andererseits zeigen die nicht verifizierten Aufnahmen stets nur einen Ausschnitt der Front. Laut einer Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung werden solche Videos insbesondere von russischer Seite gezielt für Propagandazwecke missbraucht.
Für Dokunov ging es zunächst darum, das Erlebte für sich selbst zu dokumentieren. Erst später sei ihm klar geworden, dass seine Aufnahmen auch für die Öffentlichkeit relevant sind. „Sie zeigen die innere Realität des Krieges und den Preis, den Menschen dafür zahlen“, sagt er. Am Ende des Films ist er ein anderer Mann als der, der anfangs in den Krieg zog: Sein Knie ist zertrümmert, sein Trommelfell geplatzt, Geschmacks- und Geruchssinn sind verloren. „Nicht nur mein Körper ist verwundet, sondern auch etwas tief in mir drin“, sagt Dokunov. Für ihn ist der Einsatz vorbei – doch der Krieg in der Ukraine geht auch nach vier Jahren weiter.








