VOM NERD ZUM HELD

HOLLYWOOD Er verhalf dem Big Kahuna Burger und dem Sockentanz zu Ruhm, filmte Gangster, Cowboys und Kopfgeldjäger: Was Quentin Tarantino auch anfasst – es wird cool. Von einem der originellsten Filmemacher der Gegenwart.

Illustration: Julian Rentzsch

Die Haare sind lichter und an den Ansätzen grau geworden. Und doch wirkt ­Quentin ­Tarantino immer noch nicht ganz erwachsen. Es mag an der übereifrigen Art liegen, mit der er spricht, an der hohen Stirn und seinem bohrenden Blick, die ihn wie einen trotzigen Schuljungen aussehen lassen. Sein Outfit wiederum, das er beim Interview im Carlton Hotel in Cannes trägt, wirkt beinahe steril: Das grüne T-Shirt mit V-Ausschnitt und die grüne Leinenhose erinnern an einen Krankenpfleger.
Dabei steht der 57-Jährige für das Gegenteil von klinisch reiner Oberfläche. Kaum ein Regisseur operiert so freimütig mit den grellen Reizen des Kinoerzählens wie er – und so virtuos. Zuletzt zu bestaunen in seinem oscarnominierten Epos „Once Upon a Time in Hollywood“ (2019), einer verschnörkelten Hommage an die Filmbranche, die jäh in einer Orgie des Totschlags endet. Schon 1992, als er mit seinem beklemmenden Gangster-­Kammerspiel „Reservoir Dogs“ beim Sundance Film Festival debütierte, provozierte ­Tarantino das politisch-korrekte Publikum mit seinen Präferenzen: „Gewalt ist eine der besten Sachen, die du im Kino anstellen kannst“, bekennt er. Kammerspielartig konzipiert ist auch sein Western „The Hateful 8“ (2016), den ARTE im Juni ausstrahlt und in dem exzentrische Charaktere in einem Reigen tödlicher Konfrontationen aufeinanderprallen.
Der Grund, warum das steril wirkende Interview-Outfit trotzdem ganz gut zu ­Tarantino passt, ist ein anderer: In gewissem Sinne ist der gefeierte Regisseur ein Mann ohne Eigenschaften. Seine Individualität geht in einem höheren Zweck auf – dem Geschichtenerzählen. In seiner Jugend in den 1980ern führte er das Leben eines klassischen Nerds, eines Sonderlings, der abseitigen Spezialinteressen frönte: Vorzugsweise schwänzte er die Schule, um bis zum Trancezustand fernzusehen. Im Schnitt sah er damals 200 Filme pro Jahr, gibt er zu Protokoll. Es waren diese Filme, die ihm eine Identität verliehen. Doch den entscheidenden Entwicklungsschub bekam er nicht auf dem Sofa, sondern in einer Videothek. Dort organisierte er sich seine filmtheoretische Ausbildung, bombardierte sein Umfeld mit Geheimtipps und fand unter den Kollegen die Mitwirkenden seines ersten Kurzfilms.
Könnte es sein, dass dieser ungewöhnliche Hintergrund die Voraussetzung dafür ist, so originelle Filme zu drehen? ­Tarantino erklärt es im Interview so: „Ich bin ein Schwamm. Ich sauge alles auf, was ich wahrnehme. Und wenn ich schreibe, fungiert mein Stift wie eine Antenne, die meine Erinnerungen aufnimmt.“

QT 8: Quentin ­Tarantino – The First Eight

Dokumentarfilm
Freitag, 5.6. • 22.10 Uhr
bis 11.6. in der Mediathek.

Bei der Arbeit versetzt sich ­Tarantino so sehr in die Rollen hinein, dass seine eigene Person dahinter verschwindet: „Als ich ‚Kill Bill‘
schrieb, war ich ‚Die Braut‘ [die von Uma ­Thurman dargestellte Hauptfigur; Anm. d. Red.]. Ich wurde richtig weiblich, kaufte mir Blumen und andere schöne Sachen, trug Schmuck. Und bei ,­Jackie Brown‘ verschmolz ich ganz mit der Figur des Ordell, die dann von ­Samuel L. Jackson gespielt wurde.“ Bei der Arbeit an „The Hateful 8“ war es seine fragile mentale Verfassung, die ins Drehbuchschreiben einfloss: „Ich war depressiv und wütend, diese Emotionen habe ich meinen Charakteren eingeflößt.“ Doch wie verhält es sich mit der Intensität seiner Figuren und Szenarien? Erfordern sie nicht auch einen authentischen Erfahrungsschatz an Selbsterlebtem? In der Tat, lange vor dem Welterfolg von „Pulp ­Fiction“ (1994) lebte ­Tarantino keineswegs mehr abgeschottet in der Isolation von Wohnzimmern und Videotheken. Zu seinen neuen Lieblingsorten zählten Kinos im Rotlichtbezirk, wo Prostituierte, Gangmitglieder und Sträflinge im Vorführsaal saßen. „Alles war von Spannung erfüllt. Vielleicht würde man hier sein Leben verlieren, aber gleichzeitig war ich stolz, weil meine Hingabe an das Kino so groß war, dass ich den Mut hatte, so eine Vorstellung zu besuchen“, sagt er. Die Gewalt, von der seine Filme erzählen, war Teil seiner realen Welt. Immer wieder wurde er Zeuge brutaler Schlägereien.
­Aber auch seine sensiblen Seiten flossen in ­Tarantinos Fiktionen ein. Ungeachtet aller Brutalität sind seine Figuren mit Feingefühl, ja Zärtlichkeit gezeichnet: Die Rächerin in „Kill Bill“ (2003) etwa wird zur fürsorglichen Mutter, der Revolverheld in „­Django ­Unchained“ (2012) ist zugleich romantischer Liebender. Und seine Ensembles sind voller starker Frauenfiguren. So wie die Protagonistin in „The ­Hateful 8“, die sich als widerstandsfähiger erweist als die meisten Männer. Was damit zusammenhängen mag, dass ­Tarantino hauptsächlich mit einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs: „Das hat mein Frauenbild geprägt.“
Inzwischen sucht der Filmemacher sein Heil offenbar weniger im virtuellen Universum des Kinos als im Privaten. Dieses Jahr wurde er zum ersten Mal Vater, wobei er sich bewusst ist, dass das seine „Energie für und die Konzentration aufs Filmemachen beeinträchtigen kann“. Doch Hollywoods ewiges Wunderkind will – das behauptet er zumindest im Interview – ohnehin „nur noch einen Film“ drehen und sich dann eher aufs Schreiben verlegen: „Ich will nicht der alte Mann sein, der nicht weiß, wann die Party vorbei ist, sondern den Ring im Triumph verlassen.“

Ich bin ein Schwamm. Ich sauge alles auf, was ich wahrnehme

Quentin Tarantino, Filmemacher