Fake in der  Forschung

Gefälschte Studien, gekaufte Autorenschaften und KI: Die Wissenschaft muss vor betrügerischen Systemen wie den sogenannten Papermills geschützt werden.

Illustration eines gläsernen Messbechers, der gefüllt ist mit grüner Füssigkeit.
Die Wissenschaft ist nicht unfehlbar: Immer wieder erschüttern Betrugsfälle die Forschungslandschaft. Ob manipulierte Daten oder frei erfundene Studien – Einzelne nutzen systemische Schwächen aus und beschädigen das Vertrauen in die Forschung. Illustration: Andrea Ucini für ARTE Magazin

Das Vertrauen in Forscherinnen und Forscher ist in Deutschland nach wie vor stabil – laut aktuellem Wissenschaftsbarometer gibt mehr als die Hälfte der Befragten an, ein hohes oder sehr hohes Vertrauen in Wissenschaft und Forschung zu haben. Nur jeder Zehnte vertraut Wissenschaft und Forschung wenig oder gar nicht. Umso wichtiger ist es, Defizite klar zu benennen, wie es in der ARTE-Dokumentation „Betrug in der Wissenschaft“ zu sehen ist. Den akademischen Betrieb belasten demnach befristete Stellen, Konkurrenzdruck und ein alles beherrschendes Credo: „publish or perish“, publizieren oder untergehen. Das heißt: Wer nicht regelmäßig in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht, riskiert Karriere, Fördergelder und Reputation. Dadurch wird die Zahl der Publikationen zu einer mächtigen Währung, die mitunter auch betrügerische Strukturen begünstigt.

Betrug in der Wissenschaft

Wissenschaftsdoku

Donnerstag, 13.8.
— 21.45 Uhr
bis 31.8. auf arte.tv  

Darunter fallen sogenannte Papermills – Organisationen, die gezielt vom Druck innerhalb der Wissenschaft profitieren, indem sie auf Bestellung wissenschaftliche Texte fälschen und diese anschließend in Fachzeitschriften veröffentlichen. Das Ganze geschieht im industriellen Maßstab und ohne jegliche echte Forschung. Manche der international agierenden Papermills beschäftigen Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Autorinnen und Autoren werden über Social Media und gezielte Internetanzeigen auf die Angebote aufmerksam gemacht. Eine solche Publikation kann zwischen 2.000 und 25.000 Euro kosten – je nachdem, wie hoch die Reputation der Zielzeitschrift ist, in der der Text erscheinen soll, wie ­Bernhard ­Sabel von der Universität Magdeburg im Gespräch mit dem ARTE Magazin schildert.

Sabel forscht seit Jahren auf dem Gebiet des Wissenschaftsbetrugs und hat es sich zum Ziel gemacht, Papermills zu bekämpfen. 2025 organisierte er mit einer internationalen Arbeitsgruppe die „Stockholm Declaration“, die eine grundlegende Reform des wissenschaftlichen Publizierens fordert. ­Sabel beobachtet, dass besonders viele Fälschungen aus dem medizinischen Bereich stammen. Die Biomedizin mache ein Drittel bis die Hälfte aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus – und sei damit besonders anfällig. Doch in nahezu allen Disziplinen entdecke man Fakes: in der Physik, Chemie, Mathematik, Informatik und den Sozialwissenschaften. Ein weltweites Phänomen: „Unsere Analysen haben gezeigt, dass auffällig viele gefälschte Arbeiten aus China und Indien kommen, aber auch aus der Türkei, aus Russland, aus dem Iran und anderen Ländern des Nahen und Fernen Ostens.“ Genau in diesen Ländern sei der Reputationsdruck besonders hoch.

Westliche Wissenschaftsnationen seien im Vergleich weniger stark betroffen – doch auch dort gebe es vermehrt schwarze Schafe in der Forschung. Insbesondere in künstlicher Intelligenz (KI) sieht ­Sabel eine reale Bedrohung für den wissenschaftlichen Betrieb. Seitdem KI-Systeme frei verfügbar seien, habe sich die Zahl der gefälschten Veröffentlichungen deutlich erhöht, wobei die Fälschungen zum Teil so täuschend echt seien, dass diese von auf realer Forschung basierenden Artikeln schwer zu unterscheiden seien. „Nun kann man auf Knopfdruck in wenigen Sekunden plausibel formulierte Arbeiten bestellen.“

Gefahr für das Gesundheitssystem

Diese Entwicklung setzt eine fatale Spirale in Gang: „Durch eine hohe Fake-Rate werden Milliarden in den Sand gesetzt – allein für Experimente, die auf gefälschten Publikationen basieren.“ Am Ende der Wirkungskette stünden Menschen mit gesundheitlichen Schäden – verursacht etwa durch falsche Materialien, die im Gesundheitssystem eingesetzt werden. Wie real diese Gefahr ist, zeigt ein Fall, den ­Sabel in seinem 2024 veröffentlichten Buch „Fake-Mafia in der Wissenschaft“ dokumentiert: Ein von ihm als „Kurkuma-König“ bezeichneter Wissenschaftler und Investor in den USA pries Kurkuma fälschlicherweise als universelles Heilmittel an und stieß dabei insbesondere in der Gynäkologie auf fruchtbaren Boden: „Das Kurkuma sollte bei der Geburt als Schmerzmittel eingenommen werden.

Es gab Frauen, die bei der Geburt auf Anästhetika verzichtet und dafür unnötig Schmerzen erlitten haben.“ Um den durch Paper­mills verursachten Risiken entgegenzuwirken, muss sich das Publikationssystem nach Ansicht von ­Sabel grundlegend ändern: „Belohnt wird derzeit, wer die meisten Metrikpunkte sammelt, also wer auf dem Papier am produktivsten wirkt.“ Die Verantwortung sieht ­Sabel bei den Herausgebern von Zeitschriften, die entscheiden, ob eine Arbeit abgelehnt oder veröffentlicht wird. Aber auch die Verlage stünden in der Pflicht, sicherzustellen, dass das, was sie transportieren, verlässliches Wissen sei.

Derweil setzen die von Experten und Expertinnen empfohlenen Strategien gegen Fälschungen ebenfalls oft auf KI. Zum Einsatz kommen etwa Tools zur automatisierten Erkennung von Fakes. Oder solche zur Filterung – mit ihnen werden wissenschaftliche Trainingsdatensätze von verdächtigen Inhalten bereinigt.

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