Eine der wichtigsten Regeln des klassischen Kinos lautet: Der Held oder die Heldin sind Identifikationsfiguren. Sie dürfen Probleme haben, sie müssen Hindernisse überwinden, aber am Ende haben sie etwas gelernt, sind gereift – und vielleicht sogar zu besseren Menschen geworden.
Die Filme von Bong Joon-ho sind anders. Seine Charaktere sind weder strahlende Vorbilder noch sympathisch oder wenigstens freundlich. Sie sind arm, leben in prekären Verhältnissen, ohne Aussicht auf ein besseres Leben – ein gutes Herz haben sie deswegen aber noch lange nicht. Das können sie sich nicht leisten. Es gibt im Werk des südkoreanischen Regisseurs keine ausgleichende Gerechtigkeit, keine Einfühlung, kein individuelles Glück. Was es für diese spektakulär zeitgenössische Art des filmischen Erzählens dagegen gibt: begeisterten Applaus, hymnische Kritiken und die begehrtesten Filmpreise der Welt.
„Parasite“ etwa wurde 2019 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet und ein Jahr später mit vier Oscars, darunter den in der Kategorie „bester Film“. Das hatte zuvor kein nicht-englischsprachiger Film geschafft. Hollywoodstars wie Robert Pattinson sagen seitdem gerne zu, wenn ihnen angeboten wird, in Bongs Filmen mitzuspielen – so zuletzt geschehen 2025 in „Mickey 17“, einer ebenso grellen wie dystopischen Politsatire, in der Pattinson, der Blockbuster-Posterboy, einen eher unambitionierten Loser spielte. Auch das muss man erst einmal bringen.
Wer ist dieser Bong Joon-ho? In seiner Heimat wird der 56-Jährige, der Soziologie studiert und eine Filmakademie absolviert hat, schon lange gefeiert. Von den 20 erfolgreichsten südkoreanischen Filmen stammen drei von ihm. Aber was macht seine Filme so besonders, dass sie weltweit anschlussfähig sind? In Interviews gibt sich der 1969 in Daegu geborene Regisseur von dem Rummel um seine Person unbeeindruckt: Die Oscars seien lediglich ein „lokales Ereignis“ gab er vor der Zeremonie zu Protokoll.
Aus europäischer Perspektive ist an Bong Joon-hos Filmen besonders verblüffend, wie mühelos sie Genregrenzen sprengen. Wo westliches Kino oft klar zwischen Drama, Thriller und Komödie trennt, zieht Bong am liebsten alle Register auf einmal. Sein ästhetisches Programm erläuterte er in der Süddeutschen Zeitung so: „Um die Zuschauer zu packen, müssen Sie im Kino immer etwas Unberechenbares machen. Dazu gehört auch das Springen zwischen den Genres, was als Komödie beginnt, kann in einem Horrorfilm enden, und umgekehrt.“
„Memories of Murder“, sein Durchbruchsfilm von 2003 über die Jagd nach einem Serienmörder im ländlichen Korea der 1980er Jahre, beginnt als derbe Polizeikomödie und verwandelt sich in ein abgründiges Psychogramm staatlicher Inkompetenz. Die Detektive prügeln sich durch Verhöre, scheitern an veralteten Forensik-Methoden und zerbrechen schließlich an dem Fall, der ungelöst bleibt. Bong verwandelt das westliche Krimigenre in einen Spiegel der politischen Wirren Südkoreas nach der Militärdiktatur, in dem die Ermittler so chaotisch sind wie die Gesellschaft, die sie beschützen sollen.
In „The Host“ von 2006 transformiert der Regisseur das klassische Monster-Movie in eine Satire auf US-amerikanischen Kulturimperialismus und Umweltzerstörung. Eine Art Godzilla, entstanden aus toxischem Chemiemüll im Han-Fluss, terrorisiert Seoul – doch die wahren Monster sind die unfähigen Behörden und die gleichgültige Gesellschaft. Genre ist bei Bong nie Selbstzweck, sondern dient immer als Vehikel für Sozialkritik.
Soziale Mobilität als Illusion
Der Welterfolg „Parasite“ wiederum zeigt eine Welt, in der soziale Mobilität zur Illusion wird und die Schere zwischen Arm und Reich unaufhaltsam auseinandergeht. Da ist die arme Familie Kim, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, in einer heruntergekommenen Souterrain-Wohnung lebt und sich nach und nach in der lichtdurchfluteten Villa der ebenso reichen wie naiven Familie Park einnistet. Deren Haus ist hoch oben am Hang gelegen, erreichbar über eine steile Treppe. Letztere ist mehr als ein architektonisches Detail – sie ist die soziale Leiter selbst, in Beton gegossen. Die gesamte Filmarchitektur besteht aus Räumen der Ungleichheit; jede Treppenstufe, jeder Keller, jeder Gang, jedes Fenster wird hier zum politischen Statement.
Die Botschaft von Bong Joon-ho ist denkbar düster: Für alle ist kein Platz. Überleben kann nur, wer einen anderen verdrängt. An Gerechtigkeit und das Gute zu glauben, muss man sich leisten können. Selten wurde das Unbehagen am Zustand unserer Welt so meisterhaft in Szene gesetzt wie von diesem Regisseur.







