Ein Dorf im Dorf

Tanzen am Limit: Es gibt immer weniger Diskotheken auf dem Land. Dort, wo sie sich halten, müssen kreative Wege gegangen werden – wie im Heimatdorf unseres Autors.

Bunte Fassade der französischen Dorfdisco
Zugegeben – bei Tag erscheinen viele Dorfdiscos nicht sehr ein­ladend. Auch die Fassade des „La Fiesta“-Club, irgendwo in Frankreich, ist eher unkonventionell. Foto: François Prost/ZDF

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Gebäude, ein weißer Backsteinbau mit Erker, ist von innen größer als von außen. Inmitten des Ihrhover Gewerbegebietes, zwischen einer Firma für Veranstaltungstechnik und einem Bauunternehmen gelegen, wirkt diese als Einfamilienhaus getarnte Dorfdisco seltsam deplatziert, unscheinbar, klein, geradezu winzig angesichts der Hallen ringsum. Ein Gefühl für die Dimensionen bekommt man erst, wenn man unter dem illuminierten Schweif mit den Lettern „LIMIT“ hindurch eine der Flügeltüren aufzieht und den Vorraum betritt. Da weht einen der Duft alter Zeiten an, konserviert in den dunklen Holzpaneelen, den Anti-Nazi-­Aufklebern, den vergessenen Jacken in der Garderobe. Von der Tanzfläche wabert Nebel heran. Die ersten Klänge von Rage Against the Machines „­Killing in ­the Name“ lassen den Boden vibrieren, und plötzlich steht man in einer Menge von Leuten, die sich auf das Freundlichste anrempeln und anschreien: „Fuck you, I won’t do what you tell me. Fuck you, I won’t do what you tell me. Fuck you, I won’t do what you tell me.“

Dorfdisco – Saturday Night Fever auf dem Land

Kulturdoku

Sonntag, 5.7. — 23.25 Uhr

bis 2.10. verfügbar

Das Limit ist eine der letzten alternativen Discos in Nordwestdeutschland, das ­Apex in Papenburg, das ­Cartoon in Leer oder das Charts in Harkebrügge sind seit Langem geschlossen, auch das Limit kämpft seit der Pandemie um die Gunst einer zahlenmäßig immer kleiner werdenden Jugend. Statt auszugehen, verbringen Jugendliche ihre Freizeit heute lieber zu Hause. Warum auch nicht? Jede noch so obskure Musik ist im Internet verfügbar, potenzielle Partner lernt man heute über Dating-­Plattformen kennen. Wir dagegen mussten ausgehen. In der ARTE-Dokumentation „­Dorfdisco – Saturday Night Fever auf dem Land“ ist immer wieder vom „Höhepunkt der Woche“ die Rede, vom „Fluchtort“, vom „zweiten Wohnzimmer“ und von der „Rettung aus dem Alltag“. Disco war etwas, auf das meine Freunde und ich in der Schule hinfieberten. Da konnten wir so sein, wie wir wollten, ohne Eltern, ohne Kontrolle. Die Disco war unser Paradies: ein Dorf im Dorf, ganz für uns allein.

 

Das Limit, eine Dorfdisco in Ostfriesland.
Der Schriftsteller Jan Brandt geht manchmal immer noch ins Limit, eine Dorfdisco in Ost­friesland. Bei jedem Besuch lebt die Vergangenheit wieder auf. Foto: privat

Am 11. Dezember 1992, ich hatte gerade meinen Führerschein bestanden, da öffnete bei uns im Dorf das Limit, „die progressive Diskothek“, wie es damals hieß – keine 500 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Jahrelang war ich mit dem Fahrrad durch den Hammrich in kilometerweit entfernte Orte geradelt, betrunken in Gräben gelandet, in der Dunkelheit gegen Fußgänger, Laternen oder entlaufene Kühe geprallt und hatte mich dabei nach nichts so sehr gesehnt, wie endlich mobil zu sein. Von einer Nacht auf die andere war dieser Wunsch überflüssig geworden. Fortan kamen meine Freunde zu mir, um vorzuglühen und dann ins Limit zu gehen, um weiterzutrinken, zu tanzen und bis zum Morgengrauen jene Musik in voller Lautstärke zu hören, die wir in unseren Zimmern nur über Kopfhörer voll aufdrehen durften: Heavy Metal, Hardcore, Grunge, Goth, Indierock. Zwei Jahre lang gab es keine Privatpartys mehr. Alle, denen wir uns zugehörig fühlten, kamen ins ­Limit. So lernten wir immer mehr Gleichgesinnte kennen. „Langhaarige Bombenleger“, wie unsere Eltern uns nannten – eine alternative Landjugend, die einander verbunden blieb, selbst nachdem sie sich in die ganze Welt verstreut hatte. Ostern und Weihnachten kommen wir im ­Limit wieder zusammen. Manche von meinen Freunden entdecken im schwummrigen Neonlicht nun gelegentlich ihre Kinder. Anders als früher ist das für beide Seiten keine peinliche Begegnung, sondern eine angenehme Überraschung.

Motto-Abende und Seniorendisco

Das Limit ist nach wie vor ein Bezugs- und Treffpunkt, vor allem weil es im Dorf nicht einmal mehr eine Kneipe gibt, in die man gehen könnte. Und das trotz der Tatsache, dass immer mehr Menschen in die Gegend ziehen. Überall auf dem Land schießen Neubaugebiete aus dem Boden. Während die privaten Orte zunehmen, schwinden die öffentlichen. Gab es 1990 fast 3.000 Diskotheken in Deutschland, sind es heute lediglich etwa 1.100. Dass das ­Limit immer noch existiert, ist neben vielen anderen Personen dem DJ ­Marco ­Hanneken zu verdanken, der 25 Jahre lang fast jedes Wochenende auf der Kanzel stand und als gelernter Veranstaltungskaufmann auch festangestellt fürs Marketing zuständig war. Als er anlässlich des bevorstehenden Dienstjubiläums seinen Abschied verkündete, war das Limit voll wie nie zuvor. Bei seinem letzten Auftritt im Dezember 2023 trug das Publikum ihn wie einen Popstar auf den Händen durch den Saal.

Die von ihm ins Leben gerufenen Motto-Abende wie „Happy Hour Music Mix“, „Alte Zeiten“ oder „Bad Taste Party“ gibt es weiterhin, bloß kommen jetzt nicht mehr ganz so viele Gäste. Der neue Betreiber setzt auf neue Formate: „Mama geht tanzen“, „Kneipen­krimi“, „Public Viewing“ – oder „Seniorendisko“ am Sonntagnachmittag. Das Limit ist kein Hort der Gegenkultur mehr, denke ich, als ich mir die zappelnden Greise anschauen will. Um in Zeiten demografischen Wandels und veränderten Ausgehverhaltens überleben zu können, muss man offenbar alle umarmen, die sich noch auf den Beinen halten können. Aber womöglich denke ich das nur, weil ich sauer bin, dass ich jetzt wieder, als wäre ich 15, an der Tür abgewiesen werde. Für die „Seniorendisko“ bin ich nämlich zu jung. Um reinzukommen, muss man mindestens 55 Jahre alt sein.

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