»Ein Pakt mit Charlotte«

Im Drama „Charlotte, eine von uns“ verkörpert ­Linda ­Olsansky eine Frau mit psychischer Beeinträchtigung. Wie gelingt die filmische Umsetzung dieses sensiblen Themas?

Linda Olsansky, Schauspielerin, hinter einem Vorhang
Die psychisch beeinträchtigte Charlotte lebt mit ihrem Vater auf einem abgeschiedenen Hof in Norditalien. Als ihr Vater erkrankt, begibt sich die Anfang 40-Jährige auf eine Reise voller neuer Erfahrungen und Hürden. Foto: Peacock Film

Auf einem abgeschiedenen Hof im norditalienischen Trentino wohnt Charlotte (­Linda ­Olsansky) mit ihrem Vater (­Vilmar Bieri). Die 42-Jährige ist psychisch beeinträchtigt und lebt in ihrem eigenen Kosmos umgeben von Hühnern, selbst gebastelten Puppen und italienischen Chansons. Als ihr Vater einen Herzinfarkt erleidet, kehrt ihr Bruder Leo (­Miro Lorenzo ­Maurer) nach jahrelanger Abwesenheit zurück und schlägt ihr vor, mit ihm in die Schweiz zu kommen. Auf der Reise dorthin taucht sie in eine Welt ein, die ihr bislang gänzlich verborgen war.

Charlotte, eine von uns

Drama

Freitag, 31.7. — 23.15 Uhr
bis 29.8. auf arte.tv  verfügbar

In „Charlotte, eine von uns“, dem neuen Werk des Schweizer Filmemachers ­Rolando ­Colla, spielt ­Linda ­Olsansky die Hauptfigur. Genau wie sie hat auch ­Olsansky einen tiefen Bruch in ihrem Leben erfahren: Als Kind wurde ihre Familie aus der kommunistisch regierten Tschechoslowakei ausgebürgert und zog in die Schweiz. Dort musste sie „wieder neu auf die Welt kommen“, wie sie im Interview mit dem ­ARTE ­Magazin erzählt: neues Land, neue Sprache, neue Identität. Das Verständnis und die Verantwortung für die Rolle waren daher von Anfang an vorhanden. ­Charlotte sei ein Teil von ihr geworden.

ARTE Magazin Frau Olsansky, Sie haben die Hauptrolle gespielt und beim Drehbuch mitgewirkt – wie kam es dazu?

Linda Olsansky Rolando Colla, mit dem ich bereits fünf Filme gedreht habe, fragte mich eines Tages: Wenn du noch eine letzte Rolle spielen könntest, welche wäre das? Da kam mir sofort Charlotte in den Sinn. Gemeinsam haben wir die Figur entwickelt. Zwei Monate später stand das Drehbuch. Auf der Suche nach Drehorten fanden wir ein Haus mitten im Wald und wussten: Das wird ihr Zufluchtsort. Das verbindet mich mit dieser besonderen Figur: Die Suche nach der Identität und nach einem Zuhause.

ARTE Magazin Und woher kam die Idee für die Geschichte?

Linda Olsansky Eine Zeit lang bin ich aus dem Schauspielbetrieb ausgestiegen und habe als Kunsttherapeutin in einem betreuten Wohnen mit psychisch Betroffenen gearbeitet: Menschen, die sich nicht anpassen können, die eine Struktur brauchten. Sie leben am Rand der Gesellschaft. Ich habe gespürt, das sind großartige, intelligente und kreative Menschen, und mich gefragt: Was kann ich beitragen? Ich kann nur einen Film machen. Ich wusste, diese Figur muss eine Sichtbarkeit bekommen, sie gibt Betroffenen eine Stimme.

Charlotte mit Huhn auf dem Arm
Eigene Wirklichkeit: Charlotte lebt normalerweise zurückgezogen von der Außenwelt. Sie hat ein enges Verhältnis zu Tieren und zur Natur. Bei ihrem Bruder in der Schweiz wagt sie Unbekanntes – und sammelt neue ­Eindrücke und Erfahrungen. Foto: Peacock Film

ARTE Magazin Wie haben Sie sich auf die Rolle als ­Charlotte vorbereitet?

Linda Olsansky Die Erfahrungen im betreuten Wohnen haben mich natürlich auch bei meiner Interpretation von Charlotte geprägt. Mein Beruf hat eine Verantwortung, besonders gegenüber Betroffenen. Du erzählst eine Geschichte – etwas, was dir nicht gehört. Daher ist Präzision wichtig. Aus meiner Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch kenne ich den Ansatz: Der Schauspieler führt die Figur. Doch es war von Anfang an klar, Charlotte führt mich. Es war, als hätte ich einen Pakt mit ihr getroffen.

ARTE Magazin Der Film sorgt an einigen Stellen für Diskussionsstoff. Man fragt sich etwa: Wie gelingt eine Identifikation mit der Protagonistin, ohne ihre Situation zu romantisieren oder stigmatisieren?

Linda Olsansky Der Film erzählt auf der einen Seite ­Charlottes Geschichte. Auf der anderen Seite zeigt er auch die unbeschönigten Momente. Sie ist schwierig und reagiert ungefiltert. Auch der Vater und der Bruder sind mit ihrer Art überfordert. Doch der Film verurteilt das Verhalten nicht, weder das von ­Charlotte noch das der Familienmitglieder. Viele Betroffene fühlen sich durch die Darstellung ihrer Beeinträchtigungen in Kino und Fernsehen gedemütigt. Nach dem Film sagten viele, dass sie noch nie einen so ehrlichen Film über psychische Beeinträchtigungen gesehen hätten. Sie hat den Menschen damit viel gegeben.

ARTE Magazin Wie zeigt man ihre Verletzlichkeit, ohne sie zum Opfer zu machen?

Linda Olsansky Charlotte versteht viele Dinge nicht, aber man sieht, wie sie kämpft und mutig ist. Sie lässt sich nicht unterkriegen, lernt viel im Laufe des Films – und hat am Ende die Kraft, autonom zu leben. Es war uns wichtig, dass sie kein Opfer ist. Denn Menschen wie sie fühlen sich nicht als Opfer. Die Gesellschaft macht sie zu Opfern. Sie sind eingeschränkt in allem, aber sie sind Menschen wie wir alle.

ARTE Magazin Der Film zeigt die Schattenseiten des psychiatrischen Versorgungssystems, ohne explizite Kritik. War das eine bewusste Entscheidung?

Linda Olsansky Ja, denn das hätte den Film in eine Richtung getrieben, die wir nicht anstrebten. Wir wollten niemanden anklagen, sondern vor allem ­Charlotte und ihre Geschichte verfolgen. So kann sich jeder Zuschauer sein eigenes Urteil zur Thematik bilden. Wir wollten von einer Frau erzählen, die in uns allen steckt.

 

Zur Person:
Linda Olsansky, Schauspielerin

1976 in der Tschechoslowakei geboren, studierte sie an der Ernst-Busch-Schule und begleitete als Kunsttherapeutin beeinträchtigte Menschen im Alltag.

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