Auf die Gefahren seiner Zeit reagierte Max Ernst (1891–1976), der die Kunstströmungen Dadaismus und Surrealismus entscheidend beeinflusst hat, konfrontativ: „Meine Werke waren nicht dazu bestimmt, zu verführen, sondern zum Schreien zu bringen“, so formulierte es der gebürtige Rheinländer, der vor den Nationalsozialisten aus seiner Wahlheimat Paris nach New York ins Exil floh. Das Interview mit der Kuratorin Maike Steinkamp fand inmitten einer Auswahl seiner Werke in der Neuen Nationalgalerie in Berlin statt.
ARTE Magazin Frau Steinkamp, was machte die Kunst von Max Ernst revolutionär?
Maike Steinkamp Max Ernst hat nach dem Ersten Weltkrieg neue Techniken wie die Collage, Frottage, Grattage und Décalcomanie entwickelt und radikal geprägt: Mit dem Abreiben von Strukturen und dem Abkratzen von Farbschichten machte er den Zufall und das Unbewusste zum Mitgestalter seiner Kunst. Er brach mit klassischen Bildregeln. 1919 gehörte er zu den Begründern von Dada Köln – einer Bewegung, die als Vorläufer des Surrealismus gilt. Er hat viel experimentiert und neue Themen adressiert, die für den Surrealismus wichtig wurden: die Suche nach dem Zufall, dem Mystischen, dem Unterbewusstsein. Er provozierte, indem er religiöse Motive ironisierte, wie in seinem Bild von Maria, die das Jesuskind versohlt. Er hat den Kollaborationsaspekt, das Gemeinschaftliche, gelebt. 1922 ging Ernst dann nach Paris, auf Geheiß seines Freundes Tristan Tzara, der als Schriftsteller ebenfalls einer der führenden Dadaisten war – und wurde gleich in dieses surrealistische Netzwerk eingeführt, das sich 1924 mit André Bretons „Manifest des Surrealismus“ als Gruppe zusammenschloss. Gemeinsam stellten sie sich gegen das etablierte System.
ARTE Magazin Freundschaft, Liebes- und Geschäftsbeziehungen gingen bei den Surrealisten oft ineinander über. Wie beeinflusste das Max Ernsts Werk?
Maike Steinkamp Die Surrealisten reichten ihre Werke innerhalb ihres Netzwerks viel hin und her, was für spannende Provenienzen sorgt: Es gibt wenige Quittungen aus der Zeit, da man ein Geschenk an einen Freund nicht offiziell dokumentierte. Betrachtet man die Geschichte der Bilder, erfährt man viel über diese Beziehungen – man versteht den Surrealismus ganz anders. Die Künstler stellten in denselben Galerien aus, arbeiteten gemeinsam an Werken, lasen dieselbe surrealistische Literatur. Auf vielen Ebenen fand ein Dialog und eine Bereicherung statt. In Max Ernsts Bild „Gala, Max und Paul“ von 1923 wird die private Verflechtung besonders deutlich: Es verweist auf die Dreiecksbeziehung zwischen ihm und dem französischen Dichter Paul Éluard und dessen Frau Gala in diesen Jahren. Nachdem Ernst ein Buch von Éluard illustriert hatte, lud das Paar ihn ein, bei sich zu wohnen. Mit der britischen Surrealistin Leonora Carrington, seiner späteren Geliebten, stellte Max Ernst gemeinsam aus. Und mit seiner vierten und letzten Ehefrau, der US-Künstlerin Dorothea Tanning, lebte und arbeitete er in den 1940er Jahren in Arizona.
ARTE Magazin Verstand sich Max Ernst, dessen Werke die Nazis bereits 1933 als „entartete Kunst“ diffamierten, als Teil einer politischen Gruppe?
Maike Steinkamp Ich glaube nicht, dass er sich als besonders politisch empfand. Trotzdem lassen sich Werke wie der „Hausengel“ oder seine vogelähnliche Figur „Loplop“ – ein Alter Ego, das als Trampeltier alles verwüstet – als politische Kommentare lesen. Er war sich der gesellschaftlichen Situation sehr bewusst und reagierte mit seiner Kunst verschlüsselt auf den Faschismus, das Franco-Regime und den Nationalsozialismus. Er hat politische Verfolgung am eigenen Leib erfahren und wurde 1939 in Frankreich als „feindlicher Ausländer“ interniert, als die Nationalsozialisten Paris besetzten. Die Politik war also in jeder Hinsicht sehr präsent in seinem Leben.
ARTE Magazin Nach seiner Flucht aus dem Internierungslager kam er in der „Villa Air-Bel“ des Fluchthelfers Varian Fry unter, wo er viele Surrealisten wiedertraf. Wie prägte ihn diese Zusammenkunft?
Maike Steinkamp Man muss sich das als eine sehr intensive Zeit vorstellen, in der sich alle im Zustand der Transition befanden. Trotz der Gefahr wurde weiter Kunst geschaffen, es gab Cabaret-Abende und Freiluft-Ausstellungen. Die Villa wurde berühmt, weil sich die führenden Kunstschaffenden dort versammelten, um auf ihre Ausreise zu warten. Mit Unterstützung der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, mit der er auch eine kurze Ehe einging, gelang Max Ernst 1941 die Emigration nach New York. Dort gründete Guggenheim ihre Galerie Art of This Century, in der sie viele Surrealisten ausstellte, darunter auch Max Ernst. Sein Werk war in New York schon relativ bekannt, das erleichterte für ihn vieles. Nicht alle Künstler bekamen ein Visum, ein gutes Netzwerk war da von Vorteil. Auch deshalb haben sich viele Surrealisten in New York versammelt.
ARTE Magazin Was hält Max Ernsts Kunst so aktuell?
Maike Steinkamp Wohl diese ganz persönliche Art und Weise, wie er seine Flucht, sein Exil und die Schrecken des Nationalsozialismus im Europa der 1930er und 1940er Jahre künstlerisch verarbeitet hat. Seine Reflexion der politischen Ereignisse und seiner Empfindungen wird zum Spiegel der Zeit und erhält eine Allgemeingültigkeit, die noch in unsere von Krisen gezeichnete Gegenwart nachwirkt.
Zur Person
Maike Steinkamp, Kuratorin der Neuen Nationalgalerie in Berlin
Bis 8. April ist dort die von ihr kuratierte Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus“ zu sehen.






