Ambivalent, bis es schmerzt

Heftig wie selten wird derzeit der Umgang mit Richard Wagner debattiert. Wohin mit dem Komponisten, der überzeugter Antisemit war und dennoch Kulturgut ist?

Porträt von Richard Wagner
Vier Opern, 15 Stunden Musik: Seit 1876 fasziniert der „Ring“ – und bleibt umstritten. Die Doku erzählt von Wagners Vision, ihrer Vereinnahmung durch die Nazis, Spuren in Hollywood und der Bayreuther KI-Inszenierung 2026. Porträtaufnahme von Richard ­Wagner, Entstehungsjahr unbekannt. Foto: picture alliance / opale / photo / Darchivio

Erst kürzlich geriet der Publizist ­Michel ­Friedman mit den Machern der Bayreuther Festspiele aneinander, was für einen medialen Aufschrei sorgte: Auf dem „Grünen Hügel“ würde man der Nazi-Vergangenheit aus dem Weg gehen und den Antisemitismus ­Richard ­Wagners am liebsten verdrängen, während man in den Pausen fränkische Festspielwürstchen verdrücke, ärgerte sich ­Friedman. ­Katharina ­Wagner fehle „die Ernsthaftigkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen“, so ­Friedman weiter, der Boden in Bayreuth sei „kontaminiert“ und überhaupt: Seit Gründung der Bundesrepublik sei hier einfach gar nichts aufgearbeitet worden. Die außerordentliche Emotionalität dieser Worte zeugt zum einen von einer tiefen Gekränktheit: ­Friedman war von den Festspielen zum 150. Jubiläum eingeladen worden, um einen Vortrag im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für in der NS-Zeit verfolgte jüdische Musikerinnen und Musiker zu halten, doch im Festspielchaos hatte man die Veranstaltung aufgegeben. Dumm gelaufen, sagen die einen. Ein fatales Signal, sagen die anderen. Doch die mediale Debatte, die darauf folgte, zeigte etwas anderes: Kaum ein anderer Künstler ist so umstritten wie ­Richard ­Wagner (1813–1883) – bis heute. An ihm debattieren wir immer wieder, was wir gemeinhin wohl „die deutsche Seele“ nennen.

Die Macht des Rings: 150 Jahre Ring des Nibelungen

Kulturdoku

Samstag, 15.8.
— 22.35 Uhr
bis 13.9. auf arte.tv  

Wagner war bereits zu Lebzeiten der lebendige Widerspruch: Er war musikalischer Radikal-Revolutionär und erfand Leitmotive (sie geben jeder Stimmung, jeder Person und jedem Gedanken wiederkehrende Musik) und den orgiastischen Tristan-­Akkord, der vollkommen modern irgendwo zwischen Dur und Moll changiert und sich einfach nicht auflösen will. Aber ­Wagner war eben auch ein überzeugter Antisemit; manche sagen, er sei gar ein Vordenker ­Adolf ­Hitlers gewesen. Und, ja, sein Festspielhaus in Bayreuth, das er 1876 eröffnete, wurde schon lange vor ­Hitler zum Wohnzimmer von Deutschnationalen und Rechtsextremisten. ­Hitler selbst war Stammgast in Bayreuth, und die Nachkriegs-­Intendanten der Festspiele – die Komponisten-Enkel ­Wolfgang (­Katharina ­Wagners Vater) und ­Wieland (Vater von ­Nike ­Wagner) – wurden von Hitler auf dem Schoß gewiegt und nannten ihn „Onkel Wolf“.

Zur Zerrissenheit des Ortes Bayreuth gehört aber auch, dass die Festspiele nach dem Krieg weiterhin ihren roten Teppich ausrollten – nun für die demokratische Polit-Prominenz von ­Gerhard ­Schröder (SPD) über ­Claudia Roth (Grüne) bis zur wirklich glühenden Wagnerianerin ­Angela ­Merkel (CDU). Was haben diese Politiker wohl gedacht, als sie zu-sahen, wie Weltengott ­Wotan allmählich die Fäden seiner Macht entgleiten?

Letztlich sind die Festspiele so etwas wie das inoffizielle deutsche Königshaus. Hier spiegeln sich die dunklen wie die lichten Seiten der Nation. Grund dafür ist sicherlich auch die gigantische Indifferenz Wagners und seines Werkes – allen voran seiner Opern-­Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die an drei Abenden und einem Vorabend gespielt wird und insgesamt rund 16 Stunden lang dauert. An dieser Musik hat sich nicht nur die Nation abgearbeitet, sondern auch Dichter und Philosophen: ­Thomas Mann verzweifelte an ­Wagner, ­Friedrich ­Nietzsche wurde an ihm schier wahnsinnig, und George ­Bernard Shaw verwandelte mit seinem Blick auf ­Wagner das Werk des Komponisten vom nationalen zum sozialistischen, ja kommunistischen Statement.

Spielszene aus der „Götter­dämmerung“ in Bayreuth
Episch: Spielszene aus der „Götter­dämmerung“ in ­Bayreuth im Jahr 2009, dem vierten Teil von Wagners „Ring“-Tetralogie. Foto: picture alliance / dpa / DB Enrico Nawrath

Glaubenskämpfe um die Wagner-Exegese

Was Wagner und sein Werk ausmacht, ist die Ambivalenz, die im Komponisten selbst angelegt ist: Er stand als demokratischer Revolutionär für Schwarz, Rot und Gold auf den Barrikaden in Dresden, musste ins Schweizer Exil gehen und kehrte als glühender Musik-Propagandist für Märchenkönig Ludwig II. zurück nach Bayern. Wagner wollte das Geld abschaffen, als er keines hatte, und liebte es, wenn er es ausgeben konnte. Er behandelte seine Frauen fürchterlich und erfand mit Erda und Brünnhilde zwei der wohl mutigsten und stärksten Frauen der Operngeschichte. Wagner komponierte mit „Parsifal“ eine urchristliche Erlöseroper und interessierte sich am Ende fast mehr für den Buddhismus. Er liebte „Blaue Zipfel“, die typisch fränkischen Würste, wurde aber zum Vegetarier. All diese Ambivalenz macht Wagner einmalig. Während es keine „Mozartianer“ oder „Bachianer“ gibt, sind die „Wagnerianer“ eine ganz besondere Klassik-Sekte.

Spielszene von „Das Rheingold“ in Bayreuth im Jahr 2013
Spielszene von „Das Rheingold“ in Bayreuth im Jahr 2013. Foto: picture alliance / dpa / Enrico Nawrath

Sie nennen den Komponisten ihren „Meister“, berauschen sich an seinen Leitmotiven, wie er sich selbst am Opium berauschte. Wagner-Liebhaber scheinen mehr als Musik-­Liebhaber zu sein, für sie ist die Musik ­Wagners eine Religion – und sie führen erbitterte Glaubenskämpfe um die Exegese. Im Zentrum steht neben der Person immer wieder sein „Ring des Nibelungen“. Mit ihm wurde das Festspielhaus vor 150 Jahren eröffnet. Und Wagner träumte davon, das Haus nach der Aufführung wieder abzureißen – es abzubrennen, nachdem auch seine Bühnenwelt in der „Götter­dämmerung“ in Flammen aufgegangen wäre. Doch dazu kam es nicht. Der Sommer des Jahres 1876 war glühend heiß. Die Hitze machte den Sängerinnen und Sängern zu schaffen. Den Darstellerinnen der Rheintöchter wurde auf ihren Fahrgestellen, mit denen sie über die Bühne kutschiert wurden, übel. Der Drachenkopf wurde versehentlich nach Beirut statt nach Bayreuth geschickt. ­Wagner selbst war schlecht gelaunt, tobte, schrie die Sänger an, unterbrach immer wieder und forderte stets neue Bewegungen und Gesten von seinen Interpreten. Als es dann zur Eröffnung kam, war ­Pedro I. aus Brasilien angereist, auch ­Wilhelm I. war da, Franz Liszt, ­Anton ­Bruckner, ­Peter ­Tschaikowski, ­Camille ­Saint-Saëns, Friedrich ­Nietzsche und Lew ­Tolstoi. Allein ­Ludwig II., der ­Wagner den Bau des Festspielhauses ermöglicht hatte, blieb der Premiere fern. Er besuchte die Proben und den letzten der drei Aufführungszyklen – inkognito.

Ein so gigantisches Werk wie der „Ring des Nibelungen“ war nicht nur Größenwahn, sondern auch eine Revolution der Theatergeschichte: Anders als an anderen Opernhäusern wurde das Licht während der Vorstellungen im Publikums­saal gelöscht, nichts sollte von der Bühne ablenken. Die Oper sollte eine eigene Welt erschaffen, aus den Es-Dur-Wellen des Rheines bis zu den brennenden Leitmotivtürmen in der „Götterdämmerung“. ­Wagners Vorstellung von „Gesamtkunstwerk“ war nicht nur das Miteinander von bildender Kunst (Bühnenbild), Literatur (­Wagner schrieb alle Libretti selbst) und Musik, sondern auch die Hoffnung, dass die Wirklichkeit der Bühne zu einer neuen Wirklichkeit der Welt werden könnte. Künstler, behauptete ­Wagner immer wieder, seien die wahren Politiker. Tatsächlich wurden die ersten Festspiele ein Fiasko. Ein Großteil des Publikums war überfordert. Vieles lief schief. Vor allen Dingen aber stimmte die Kasse nicht: ­Richard ­Wagner saß auf einem Schuldenberg und weinte – mal wieder.

Doch er glaubte weiterhin an seine Idee der neuen Oper. Und heute wissen wir: Er hatte recht. Wohl kein anderes Werk wurde so sehr zum Sinnbild unserer Welt wie der „Ring des ­Nibelungen“. Die Oper, die sich an der alten Sage orientiert: Den Rheintöchtern wird das Gold geraubt, statt der Natur hat es nun der Macht zu dienen. Weltengott ­Wotan ist in private Konflikte verstrickt und verliert seine Glaubwürdigkeit. Wir lernen von sich liebenden Zwillingsgeschwistern, von einem massiven Vater-Tochter-­Konflikt, von Helden wie ­Siegfried, deren Klugheit die Naivität der Natur ist, von Drachenkämpfen und von bösen Mächten, die am Ende obsiegen: ­Siegfried, der Held, wird ermordet, seine Frau Brünnhilde nimmt Rache und fackelt die ganze Welt samt Götterburg ­Walhall ab. Und am Ende? Beginnt alles wieder von vorn.

Richard ­Wagners Schwiegertochter Winifred begrüßt ­Adolf Hitler in Bayreuth vor dem Festspielhaus
Vereinnahmt: Richard Wagners Schwiegertochter Winifred begrüßt ­Adolf Hitler in Bayreuth vor dem Festspielhaus 1939. Foto: picture alliance / SZ Photo / Scherl

Der „Ring“ im Wandel: Von Waldsterben bis KI

Der „Ring des Nibelungen“ hat Regisseure seit jeher herausgefordert und besonders Deutschland immer wieder zur Selbstreflexion gezwungen. Die alten Rauschebärte und Metallhelme sind längst von der Bühne verschwunden. Stattdessen fand seit 1951 eine andauernde Auseinandersetzung mit dem musikalischen Mythos und der Gegenwart statt. Wieland Wagner entrümpelte seine Bayreuther „Ring“-Bühne und schickte Götter, Alben und Nibelungen auf seinen sprichwörtlichen „Weltkreis“ in das Spiel um die Macht. Die neue Lesart von Patrice Chéreau, der sogenannte „Jahrhundertring“, sorgte vor 50 Jahren für radikale Buh- und Pfeif-konzerte. Als Lehre aus den 1968er Jahren schrumpfte der Franzose Wotan und die anderen Götter zu ganz normalen Menschen und zeigte den „Ring“ als Parabel der Macht. Harry Kupfer deutete das Werk in Zeiten des „Waldsterbens“ und der Erfolge der Grünen als Drama um Umweltzerstörung. 1994 erhoben Alfred Kirchner und die Kostümbildnerin Rosalie den „Ring“ dann zu einem modischen Laufsteg der Macht (Berlin war damals arm und sexy), bevor Jürgen Flimm Wotans Walhall ganz konkret ins Kanzleramt (von Gerhard Schröder) verlegte. Mit Frank Castorf kam die Oper dann im Eklektizismus der Moderne an: Der Regisseur hatte gar kein Interesse mehr daran, einen runden „Ring“ zu schmieden, sondern erzählte eine kurzweilige und unzusammenhängende Geschichte um Erdöl, die mal auf dem Alexanderplatz und mal in den USA oder Aserbaidschan spielte. Der junge Regisseur Valentin Schwarz verschob dann vollends die Perspektiven in Wagners Tetralogie, und dieses Jahr steht in Bayreuth nun der erste „Ring des Nibelungen“ mit KI-generierten Videos auf dem Programm.

Wagners große Oper ist also stets eine Beschäftigung nicht nur mit seinen Themen, sondern auch mit der Rolle Bayreuths – und immer auch ein Spiegel unserer Wirklichkeit. Und so verhält es sich mit dem ganzen Ort. Ein Zauber der fränkischen Stadt Bayreuth liegt auch in ihrer liebenswerten Provinzialität: holzfurnierte Hotelzimmer, und auch die Festspielkantine erinnert eher an eine Kneipe der 1970er Jahre als an einen modernen Opernbetrieb. Hinter der Bühne aber findet eine andauernde Auseinandersetzung mit dem Wirken Wagners statt. Und seit Katharina Wagner, die Urenkelin des Komponisten, die Festspiele leitet, besonders auch mit der eigenen Rolle im Nationalsozialismus: Stelen auf dem Festspielhügel erinnern an vertriebene und ermordete Festspiel-Musikerinnen und Musiker während des Nationalsozialismus, die Festspiele halten regelmäßig Symposien ab, und ganz besonders wird die eigene, indifferente Rolle auf der Bühne thematisiert. Egal ob Katharina Wagner das eigene Opernpublikum in ihrer Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ kritisiert oder ob der jüdische Regisseur Barrie Kosky die gleiche Oper in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse verlegt – eines kann man den Bayreuther Festspielen nicht vorwerfen: sich nicht mit ihrer und der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Im Gegenteil: Bayreuth ist vielleicht der beste Ort, an dem man die deutsche Seele im Ringen mit sich selbst und eine andauernde historische Kontextualisierung der Kunst beobachten kann – und eine Debatte wie die von Michel Friedman zeigt, dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Seine Ausladung wurde derweil zurückgenommen, seine Rede soll, wie ursprünglich geplant, Ende Juli in Bayreuth stattfinden.

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