Raus aus der Falle des Ruhms

Sophie Marceau entwickelte sich vom Teenie-­Idol zur Charakterdarstellerin. Welche Haltung hat ihren Erfolg geprägt?

schwarz-weiß Porträt von Sophie Marceau
Mit  „La Boum – Die Fete“ begann 1980 die Karriere der damals 14-jährigen Sophie Marceau. Seitdem überzeugt sie mit ihrem authentischen Spiel in Autorenfilmen und internationalen Blockbustern. Sophie Marceau ist das Gesicht des französischen Kinos. Foto: Etienne George / Corbis.Getty Images

Paris in den 1980ern: Zwischen tanzenden Teenagern steht ein Mädchen am Buffet. Blaues Hemd, schulterlange dunkle Haare, Pony. Die Augen weiten sich, als sich ein Junge von hinten nähert und ihr wortlos die Kopfhörer eines Walkmans über die Ohren legt. Als die ersten Takte von ­Richard ­Sandersons Blues „Dreams are my reality“ erklingen, liegen sich Vic und ihr Schwarm ­Mathieu (­Alexandre ­Sterling) bereits in den Armen. Um sie herum tobt die Party weiter. In ihrer Rolle des liebreizenden, aber auch aufmüpfigen Pariser Teenagermädchens Vic ­Beretton in „La Boum – Die Fete“ wurde ­Sophie ­Marceau – geboren als ­Sophie ­Danièle ­Sylvie ­Maupu – 1980 mit gerade einmal 14 Jahren über Nacht zum Weltstar. Millionen von Kinobesuchern verliebten sich in das Mädchen mit dem verschmitzten Lächeln. Eine Rolle, die nicht nur den Startschuss ihrer Karriere, sondern auch viel Druck mit sich brachte. Doch ­Marceau lernte früh, für sich einzustehen und ihren Beruf mit Ernsthaftigkeit zu verteidigen. Womöglich ist gerade diese Attitüde das Geheimnis hinter ihrem Erfolg. Denn sie ermöglichte es ihr, sich zu wandeln – vom Teenie-Idol zur vielseitigen Schauspielerin, die nicht nur das Genre „Coming-of-Age“ beherrscht.

Sophie Marceau: Der bezaubernd authentische Filmstar

Porträt

Mittwoch, 9.9.
— 22.05 Uhr
bis 6.4.27 auf  arte.tv 

Dabei zeigte sich ihr Drang nach Unabhängigkeit früh. Für ihr Alter sehr reif, enthüllte sie damals den Grund hinter der Bewerbung für „La Boum“, wie die Dokumentation „­Sophie ­Marceau: Der bezaubernd authentische Filmstar“, die ­ARTE im September zeigt, beleuchtet. Über eine Zeitungsannonce wurde die Tochter eines Fernkraftfahrers und einer Verkäuferin auf eine Modelagentur aufmerksam, die sie zum Casting von „La Boum“ führte. Doch von romantischen Vorstellungen eines glamourösen Schauspielerinnenlebens keine Spur: „Ich suchte einen Job, um mir mein Taschengeld aufzubessern. Ich wollte Geld verdienen.“ Diese Bodenständigkeit hat sie nie verloren. Im Casting konnte sich ­Sophie Marceau schließlich gegen Tausende Bewerberinnen durchsetzen. Dank ihres unverwechselbaren Spiels berührt „La Boum“ noch immer Generationen von Jugendlichen – auch wenn der Film aus heutiger Sicht deutlich aus der Zeit gefallen scheint.

Filmszene aus
In „La Boum – Die Fete“ spielt Sophie Marceau die 13-jährige Vic, die mit dem Erwachsenwerden kämpft. Foto: imago images / United Archives

Denn Vics Glück steht und fällt mit ­Mathieu – und dessen Launen. Auch in den Gesprächen zwischen Vic und ihrer besten Freundin ­Pénélope (Sheila ­O’Connor) scheint es meist nur ein Thema zu geben: Jungs. Gerade hier zeigt sich der Unterschied zu modernen Mädchenfiguren: Ihr Wert definiert sich heute nicht mehr über männliche Aufmerksamkeit. In den 1980er Jahren traf „La Boum“ allerdings den Nerv der Zeit. Der Kinohit eröffnete für ­Sophie ­Marceau auch eine neue Welt – fernab vom Pariser Arbeitervorort, in dem sie aufwuchs. Im Interview mit dem französischen Frauenmagazin Marie ­Claire sagte sie rückblickend über diese Zeit: „Es war furchtbar, ich hatte kein Leben mehr. So jung in die Filmbranche zu geraten, hat mich schnell reifen lassen. Ich war auf mich allein gestellt.“ Die Schattenseiten des frühen Ruhms kamen 2017 im Zuge der #MeToo-Bewegung erneut an die Oberfläche. ­Marceau gehörte zu den ersten Stimmen, die das Machtgefälle im französischen Filmbetrieb offen kritisierten. Schon damals sprach sie über die von ihr als toxisch empfundenen Dreharbeiten von „Der Bulle von Paris“ – und berichtete von Übergriffen durch ihren Schauspielpartner Gérard ­Depardieu. Die Folge: Demütigungen am Filmset und im Fernsehen. „Ich war damals 18 und fühlte mich gefangen, in der Falle“, erinnert sie sich.

Filmszene mit Sophie Marceau und Pierce Brosnan
An der Seite von James-Bond-Darsteller ­Pierce Brosnan (l.) erobert Marceau auch das US-Kino. Foto: Keith Hamshere / Getty Images

Ein Stil, der bleibt

Der Wille zur Befreiung aus dieser Enge wurde zur treibenden Kraft. Marceau sträubte sich fortan gegen Rollenklischees. Für eine Million Francs, damals eine beachtlich hohe Summe, kaufte sie sich aus dem Vertrag der Produktionsgesellschaft Gaumont frei, der sie für einen weiteren Teil von „La Boum“ verpflichtet hätte. Dieser Schritt ebnete ihren Weg zur Schauspielikone. Sophie Marceau glänzt sowohl im Autorenkino als auch als James-Bond-Antagonistin Electra King im Film „Die Welt ist nicht genug“ (1999). Fast 40 Jahre nach „La Boum“ kam im Juni nun „LOL 2“ – ein französischer Teenagerfilm, der in den 2000ern spielt – in die Kinos. Die 59-Jährige steht darin nicht mehr als Tochter, sondern als Mutter und Großmutter vor der Kamera. So führt sie das Coming-of-Age-Motiv ihres Karrierestarts auf eine neue, stilvolle Weise fort.

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