Unerforschte Tiefen

Die Tiefsee ist der größte Lebensraum der Erde – und dennoch kaum erforscht. Aktuell geraten die faszinierenden Ökosysteme der Ozeane zunehmend unter Druck.

Ein Fangzahnfisch.
Die Zähne des Fangzahnfischs sind die längsten bei Meeresfischen bekannten. Foto: Solvin Zankl

Es klingt paradox: Während Raumsonden Himmelskörper wie den Mond oder Mars inzwischen flächendeckend kartieren können, ist ein Großteil des irdischen Meeresbodens noch Terra incognita. Dabei beginnt der verborgene Lebensraum der Ozeane bereits in etwa 200 Meter Tiefe und bedeckt rund zwei Drittel der Erdoberfläche. Dort herrschen Finsternis, Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und ein Druck, der das Tausendfache des atmosphärischen Drucks erreichen kann. Unter diesen extremen Bedingungen hat sich eine faszinierende, oft bizarr anmutende Welt entwickelt, die zeigt, wie widerstandsfähig Leben sein kann.

Faszination Tiefsee: Expedition zum Grund der Meere

Dokumentarfilm

Samstag, 4.7. — 20.15 Uhr

bis 1.10. verfügbar

So umfasst die Tiefsee massive Gräben und die längsten Gebirgsketten der Erde: die mittelozeanischen Rücken. Besonders spektakulär sind die hydrothermalen Quellen, die „Schwarzen Raucher“ – turmartige Schlote, aus denen überhitztes, mineralreiches Wasser in die Dunkelheit schießt. Entlang von Rissen in der Erdkruste sickert kaltes Meerwasser tief ins Gestein, wird auf mehrere Hundert Grad aufgeheizt und steigt, mit Metallen und Mineralien angereichert, wieder auf. Rund um diese Quellen existieren Lebensgemeinschaften, die völlig ohne Sonnenlicht auskommen: Sie gewinnen ihre Energie aus chemischen Reaktionen. Ein Prinzip, das zeigt, wie Leben auch jenseits der Photosynthese möglich ist. In den vergangenen Jahrzehnten haben Forschende unter diesen extremen Bedingungen eine Fülle neuer Spezies entdeckt – von durchsichtigen Kopffüßern über Fische, die selbst Licht erzeugen, bis hin zu Röhrenwürmern. Nicht umsonst wird die Tiefsee häufig mit tropischen Regenwäldern verglichen: Diese Teile der Erde zählen zu den artenreichsten Ökosystemen und spielen eine zentrale Rolle für die Stabilität globaler Stoffkreisläufe.

Ein Kleinmünder in der Tiefsee.
Ein junger Kleinmünder mit seinem an Planktonnahrung adaptierten Maul und den großen Augen für das Sehen im Dämmerlicht. Die in der Tiefsee der südlichen Ozeane lebenden Fische erreichen eine Länge von etwa 10 bis 15 Zentimetern. Foto: Solvin Zankl

Wie groß die Wissenslücke über diesen Unterwasser-­Lebensraum tatsächlich ist, zeigt eine 2025 im Fachjournal ­Science Advances veröffentlichte Studie: Demnach wurden bislang weniger als 0,001 Prozent des gesamten Tiefsee­bodens durch direkte menschliche Beobachtungen erfasst. Für die Hauptautorin der Studie, die Meeresforscherin ­Katy Croff Bell, ist dieser blinde Fleck weit mehr als eine wissenschaftliche Herausforderung. Angesichts der Klimakrise und konkreter Pläne für industriellen Tiefseebergbau bekommt das fehlende Wissen eine politische und gesellschaftliche Brisanz. Denn Entscheidungen darüber, wie wir diese Räume schützen, nutzen oder wirtschaftlich erschließen, setzen ein Verständnis der dortigen Ökosysteme voraus – ein Verständnis, das bislang höchstens in Ansätzen existiert.

Geopolitische Interessen ohne Durchblick

Wie sehr die Tiefsee inzwischen in den Fokus gerückt ist, zeigt der wachsende politische Druck: US-Präsident Donald Trump unterzeichnete 2025 ein Dekret, das die Erschließung mineralischer Rohstoffe am Meeresboden beschleunigen und den Abbau strategisch wichtiger Metalle auch in internationalen Gewässern vorantreiben soll. Hintergrund sind steigende globale Rohstoffbedarfe. Für viele Forschende wird damit ein grundlegendes Dilemma sichtbar: Die Menschen beginnen, ein hochkomplexes und kaum erforschtes Ökosystem wirtschaftlich zu nutzen – mit potenziell weitreichenden Folgen, die bislang nur schwer abzuschätzen sind.

Schließlich ist die Tiefsee weit mehr als die entlegene, lebensfeindliche Zone, für die sie bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gehalten wurde. Lange Zeit galt die Vorstellung einer „azoischen“ Tiefe – eines toten Raums ohne Leben –, wie sie etwa der britische Naturforscher Edward Forbes formulierte. Erst Expeditionen wie die des Forschungsschiffes ­Challenger (1872–1876) widerlegten diese Annahme grundlegend. Heute wissen wir: Die Wassermassen der Tiefsee fungieren als Speicher für Wärme und Kohlenstoff. Nach Angaben des Weltklimarates (IPCC) haben die Ozeane seit den 1970er Jahren mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärmeenergie des Klimasystems aufgenommen und rund ein Viertel des durch Menschen verursachten CO₂ gebunden. „Die Ozeane sind ein zentraler Regulator unseres Klimasystems“, betont ­Kai-Uwe ­Hinrichs, Direktor des Marum – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, im Gespräch mit dem ­ARTE ­Magazin.

Die Ozeane sind ein zentraler Regulator unseres Klimasystems

Kai-Uwe Hinrichs, Direktor des Marum – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften
Ein Erbeerkalamar.
Erdbeer­kalmare leben vor der Küste Südafrikas. Foto: Solvin Zankl

Dass trotz dieser fundamentalen ökologischen Bedeutung der Tiefsee noch immer große Forschungslücken bestehen, liegt nicht zuletzt an den extremen Bedingungen, die in der Tiefe herrschen und die in ihrer Unzugänglichkeit mit denen des Weltalls vergleichbar sind. Nur hoch spezialisierte und entsprechend teure Technologien wie Tauchroboter, autonome Unterwasserfahrzeuge oder bemannte Tiefseeboote können überhaupt dorthin vordringen. Auch der Aufwand dahinter ist enorm: Ozeanografische Expeditionen dauern oft Wochen oder Monate, empfindliche Messgeräte müssen über große Distanzen transportiert werden, und die Zeit auf See ist kostbar. Ein einziger Tag Forschung auf einem Schiff kann mehrere Zehntausend Euro kosten. Dementsprechend konzentriert sich die Tiefseeforschung bislang auf wenige, punktuell untersuchte Regionen.

Bohrkerne vom Meeresboden stehen im Zentrum der Forschung – auch am Marum werden sie in dem weltweit größten Kernlager untersucht und in einem Kühlraum aufbewahrt. Diese sedimentären Proben reichen teilweise Hunderte von Meter tief in den Boden hinein und funktionieren wie Zeitkapseln. „Die Tiefsee ist ein Archiv der Erdgeschichte“, sagt der Geochemiker Kai-Uwe ­Hinrichs. Schicht für Schicht erzählen sie von früheren Klimabedingungen: Pollen, Isotope und chemische Spuren zeigen, wie sich Temperatur, Strömungen und Leben im Ozean über Millionen Jahre verändert haben. Solche Daten sind entscheidend für Klimamodelle – sie machen sichtbar, wie schnell Klimaumschwünge abliefen, wie die Ozeane auf steigendes CO₂ reagierten und wo kritische Kipppunkte liegen könnten. Besonders wichtig sind Paläoklima-Rekonstruktionen: Forscher nutzen Daten aus der Vergangenheit, um zukünftige Klima­szenarien genauer vorhersagen zu können.

 

Die Tiefsee ist ein Archiv der Erdgeschichte

Kai-Uwe Hinrichs, Direktor des Marum –  Zentrum für Marine Umweltwissenschaften

Der Meeresboden weckt jedoch nicht nicht nur wissen­schaftliches Interesse, sondern auch wirtschaftliche Begehrlichkeiten. Dort liegen Milliarden Tonnen mineralischer Rohstoffe, darunter Manganknollen – kartoffelgroße Gebilde, die über Millionen Jahre wachsen und reich an Metallen wie Nickel, Kobalt und Kupfer sind. In der Clarion-­Clipperton-­Zone im Pazifik zwischen Hawaii und Mexiko vermuten Experten einige der größten bekannten Vorkommen dieser Rohstoffe, die für Batterien, Elektroautos und Windkraftanlagen eingesetzt werden könnten.

Eine Tiefseequalle
Eine Tiefseequalle aus dem Trondheimsfjord in Norwegen. Foto: Solvin Zankl

Gleichzeitig mehren sich die Warnungen vor den ökologischen Folgen eines Abbaus. Eingriffe würden den Meeresboden großflächig aufwühlen, Sedimentwolken könnten sich kilometerweit ausbreiten und empfindliche Organismen schädigen. Wie langwierig solche Störungen sein können, zeigt das 1989 gestartete DISCOL-­Experiment vor Peru: Um die Auswirkungen des potenziellen Abbaus von Manganknollen zu simulieren, pflügten Forschende den Meeresboden auf einer Fläche von rund elf Quadratkilometer in 4.000 Meter Tiefe um. Mehr als drei Jahrzehnte später sind die Spuren noch immer deutlich nachweisbar. Die Verletzlichkeit der Tiefsee hängt dabei eng mit den Überlebensstrategien ihrer Organismen zusammen, die sich an die nährstoffarme Umgebung anpassen. Viele Arten haben einen langsamen Stoffwechsel, erreichen ein hohes Alter und vermehren sich nur selten. Werden ihre Lebensräume zerstört, sind Regenerationsprozesse entsprechend langwierig, sie könnten Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern.

Rohstoffe in der Finsternis

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der politischen Verantwortung. Über die Nutzung großer Teile der Tiefsee verhandelt die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA). Seit Jahren ringt sie um einen sogenannten „Mining Code“, der verbindliche Regeln für den Tiefseebergbau festlegen soll. Dabei prallen unterschiedliche Interessen aufeinander: Während einige Länder, darunter die USA und kleinere Pazifikstaaten wie Nauru, auf eine rasche Freigabe des Rohstoffabbaus drängen, fordern andere Nationen – etwa Deutschland, Frankreich, Spanien und Chile – eine Pause oder sogar ein Moratorium. Ein Lichtblick: Im Januar 2026 ist das UN-Hochseeschutzabkommen (BBNJ) in Kraft getreten. Es schafft erstmals einen verbindlichen völkerrechtlichen Rahmen, um bis 2030 rund 30 Prozent der Weltmeere unter Schutz zu stellen. Das Ziel ist ambitioniert, denn bislang ist weniger als ein Prozent der Hochsee effektiv geschützt. Wie auch immer die Debatten um das Leben in der Tiefsee ausgehen mögen – sie werden auch Konsequenzen für das Leben an der Oberfläche haben.

2 Ausgaben gratis Banner