München, eine vergleichsweise kleine süddeutsche Großstadt, ist immer und seit jeher das Zentrum der Welt. Aber für eine kurze Zeit sah das nicht nur München selbst so, sondern auch die Welt. In den 1970er Jahren war München „New Yorks große Discoschwester“, sagt der Autor und Künstler Mirko Hecktor. Oder immerhin „die zweitgrößte Musikstadt der Welt nach New York“, sagt Michael Holm, legendärer Schlagerstar und Augenzeuge der frühen Münchner Disco-Jahre. Große Schwester oder Nummer zwei: Hauptsache, direkt neben New York. Beides leicht überraschend für eine Stadt, aus der heute nicht selten eher Oktoberfestklischees, Fußball-Klatsch und Bilder vom Wurstverzehr des dort angesiedelten Ministerpräsidenten nach außen dringen.
1967 eröffnete in München die erste deutsche Großraumdisco, das „Blow up“ am Elisabethplatz in Schwabing. Die Idee, zum Tanzen an einen Ort zu gehen, wo Musik nicht live gespielt wurde, sondern wo jemand Schallplatten auflegte, war da noch sehr neu – erst ein Jahr zuvor hatte mit dem US-Magazin Life zum ersten Mal ein großes Medium dem Phänomen eine Titelstory gewidmet: „New Madness at the Discothèque“. In der Berichterstattung der Münchner Lokalpresse zur Eröffnung des „Blow up“ schwingt eine Mischung aus Faszination und Entsetzen mit und vielleicht die Ahnung, dass sich hier gerade eine neue Welt öffnet. „Wer sich treten, schieben, stoßen ließ, mit abgerissenen Knöpfen am Sakko, Tartarbrot auf der Hose, und auch sonst leicht verwirrt durch Schockmusik, Go-Go-Girls und Psychedelic-Bildwerfer die Stätte des Infernos verließ, war selbst schuld, er hätte bloß nicht hingehen müssen“, schrieb die Münchner Tageszeitung tz zur Eröffnung. Hingehen wollten aber viele; darum entstanden in den nächsten Jahren mindestens 40, vielleicht bis zu 60 Discos, die meisten in Schwabing und rund um die Leopoldstraße. Darunter unvergessene Namen wie das „Big Apple“, die Unterwasser-Disco „Yellow Submarine“ im Einkaufs- und Vergnügungszentrum „Schwabylon“, das „Crash“, das „Domicile“, der „Piper-Club“.
Deutlich mehr und deutlich früher als in größeren deutschen Städten wie Berlin oder Hamburg. Was möglicherweise daran lag, dass das Münchner Nachtleben im unverdünnten Einflussbereich der US-Alliierten lag. Seit dem Kriegsende feierten Münchner und Angehörige der US-Streitkräfte miteinander. Die lauten Nebengeräusche des Marshall-Plans waren in München von Anfang an Jazz, Rock ’n’ Roll und dann eben Rhythm ’n’ Blues, Soul und Funk, die Vorläufer der eigentlichen Disco-Musik. Die Orte jedenfalls sind legendär: Im „Yellow Submarine“ umgab die Tanzenden ein 650.000-Liter-Wassertank, der über drei Etagen ging, mit Haien und Meeresschildkröten; übers „Crash“ sind in Mirko Hecktors Buch „Mjunik Disco“ Zeitzeugenberichte versammelt, nach denen eines Nachts dort 13 Cowboys auf Pferden einritten, der Weltrekord im Disco-Dauertanzen aufgestellt wurde, zwölf Tage, und zwischendurch badete der spätere Sieger in einem Whiskyfass; dann wieder sollen Frauen auf einer Sau auf die Tanzfläche geritten sein (man merkt, wie stark München durch die ländlichen Sitten des Umlands geprägt war). Und über das „Big Apple“ sagte die Schauspielerin Uschi Obermaier: „Wenn ich einen Abend nicht im ,Big Apple‘ war, dachte ich, ich hätte den Lauf der Welt verpasst.“
Disco nach Dienstschluss
Was sicher daran lag, dass ihr in den Münchner Discos damals die Weltstars über den Weg tanzten. Freddie Mercury, die Rolling Stones als Band oder Mick Jagger allein, Eric Clapton, Supertramp, Led Zeppelin – alles Namen, die immer wieder fallen, wenn Leute von der Münchner Disco-Zeit erzählen. Aber das Gefühl, dass die Welt nur in der Disco wirklich existiert, entstand auch durch den hypnotischen Charakter der Disco-Musik: der monotone Rhythmus, die minimalistischen Texte, die Art und Weise, wie die Tracks ineinander übergehen. Und dieser Sound, das ist der nächste Plot-Twist, entstand um die Mitte der 1970er Jahre eben auch in München. Was wir heute als Disco kennen, ist im Grunde der weltweit so genannte „Munich Sound“ der damaligen Zeit.
München war zuvor ein wichtiges Zentrum der deutschen Schlagermusik. Das zog den jungen Produzenten Giorgio Moroder aus St. Ulrich in Südtirol an, der in den Berliner Tonstudios nur schlechte Jobs bekommen hatte. In München baute er sein eigenes Tonstudio auf, das „Musicland Studio“ im Untergeschoss des Arabella-Hochhauses. Zugleich traf er in München auf eine Szene von Schlager-Profis, die tagsüber deutschsprachiges Hitparaden-Futter am Fließband produzierten, und nachts darüber diskutierten, wie man US-amerikanische Tanzmusik in Deutschland machen könnte – Disco nach Dienstschluss. Zum Beispiel Michael Kunze, im Hauptberuf damals Texter aller Udo-Jürgens-Hits. Kunze kam mit dem Produzenten Silvester Levay auf die Idee, die in der US-Disco dominierenden Bläser durch rhythmische Streicher zu ersetzen. Unter dem Namen Silver Convention hatten sie auf diese Weise Welthits, „Fly, Robin, Fly“ stand in den USA mehrere Wochen auf Platz eins, Resultat von Überstunden einiger Streicher der Münchner Philharmoniker. Auch Giorgio Moroder machte erst mal Schlager, zum Beispiel mit Michael Holm. Dann tauchte bei Moroder und seinem Produzenten-Kollegen Pete Bellotte im Musicland-Studio eines Tages Donna Summer auf, Tochter eines früher in Deutschland stationierten US-Soldaten und Sängerin in der Münchner Produktion von „Hair“, oder, wie es im Theater an der Brienner Straße auf wunderbar provinzielle Weise hieß: „HAARE“. Donna Summer war eigentlich nur auf der Suche nach einem Nebenjob als Demo- oder Background-Sängerin, aber ihre Stimme, ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten als Songwriterin machten es Moroder erst möglich, seine bis dahin eher vage Vision real werden zu lassen: den relativ neuen und schwer zu bedienenden Synthesizer zum wichtigsten Instrument des Disco-Sounds zu machen. Ihr erster gemeinsamer Hit, „Love To Love You Baby“, wurde ausgelöst durch Donna Summers einfache Textidee; vor allem ihr zweiter Hit, „I Feel Love“, wurde angetrieben durch den hypnotischen Synthesizer-Beat von Moroder. Die Folgen: eine weltweite Sound-Revolution und Donna Summers unvergleichliche Karriere. Sie ist bis heute der einzige Mensch, der es geschafft hat, mit drei Doppelalben hintereinander auf Platz eins der US-Charts zu stehen.
Natürlich Doppelalben, weil Disco eben immer auch exzessiv war: „Love To Love You Baby“ setzte sich erst in einer 17-minütigen Version so richtig durch. Ist es gerade dieses Verschwenderische, Maßlose, was zu München passt? Wie konnte es sein, dass München zum, wie -Donna -Summer es selbst nannte, „kreativen Mittelpunkt des neuen Europa“ wurde?
Konsumlust und prächtige Kostüme
Ein bisschen ist es eine Henne-Ei-Frage: Zogen die Münchner Discos die Leute an, die dann den neuen Disco Sound erfanden, der dann die Münchner Discos noch größer machte? Zog das Musicland-Studio die Weltstars nach München, oder war München der ideale Ort für ein hochmodernes Studio, weil die Weltstars schon da waren?
Von einem Besucher der Londoner Disco „Crypt“ gibt es einen schönen Satz über Donna Summers Munich Sound Hit „Love To Love You Baby“: „Es ist die einzige Platte, die alle straighten Jungs queer macht. Zumindest für eine Viertelstunde.“ Ist das etwas speziell Münchnerisches? Die Freude einer nach außen hin sehr traditionsstrengen Stadt am Verkleiden, am Ausleben von Fantasien? Aber auch die Münchner Konsumlust, die sich unter anderem in der prachtvollsten Einkaufsstraße Deutschlands ausdrückt, passt perfekt zu Disco, einer Musik, zu der immer auch prachtvolle Klamotten, teure Cocktails und hohe Eintrittspreise gehörten. Barry White, Urvater der US-Disco, hat gesagt: „Disco hätte einen besseren Namen verdient, einen schönen Namen, denn Disco war eine schöne Kunstform. Sie machte den Konsumenten schön. Der Konsument war der Star.“ Oder war München der perfekte Nährboden für Disco, weil Disco, wie die Musikwissenschaftlerin Alice Echols schreibt, von der „Anziehungskraft des Seichten“ lebt, von der „Ablehnung von Substanz“? Wenn man es positiv wendet, sind das eigentlich genau die charmanten Eigenschaften, die Ur-Münchner Legenden wie Helmut Dietls Fernseh-Kreationen „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ so unwiderstehlich machten.
Von Bethann Hardison, Fotomodel und Bürgerrechtsaktivistin, stammt ein anderer Satz, der direkt ins Münchner Herz zu zielen scheint: „Der Disco-Beat wurde erfunden, damit weiße Leute tanzen können.“ Vielleicht war München deshalb die ideale Disco-Stadt, weil: so deutsch, so, wenn man will, weiß? -Donna -Summer ergänzt dieses Bild in ihrer Autobiografie um eine interessante Facette. Sie schreibt: „Mir wurde schnell klar, dass die liberale Nachkriegsgeneration in Deutschland die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung als eine Art persönliches Statement unterstützen wollte. Das drückte sich aus in Freundschaft, Unterstützung und Arbeit für Schwarze Personen aus den USA. Yippee! Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Sie beschreibt das Verlangen einer neuer Generation in Deutschland, „gut und frei zu leben. Und auch für mich bedeutete Deutschland eine persönliche Freiheitsbewegung, ich lebte in einer künstlerischen und kulturellen Bohème, im kreativen Himmel.“
Und sicher wäre dies die schönste Lesart, das schönste Abschiedsgeschenk von Disco an München, 50 Jahre nach dem Boom: zu sagen, dass München Disco war und Disco München, weil München ein Ort der Freiheit war.







