Das Zeitalter des Feuers

Rekordhitze und immer mehr Brände: Drohen deutschen Wäldern schon bald Zustände wie in Südeuropa? Hightech-­Monitoring soll das verhindern.

Wald von oben
Fast jeden Sommer verwüsten Brände große Flächen in Europa: Im ausgedorrten Nordwesten Spaniens und in Griechenland fressen sich Feuer kilometerweit durch die Berge. In Südwestfrankreich gehen Weinberge in Flammen auf. Fachleute und Forschende erproben europaweit innovative Maßnahmen, um Waldbrände effektiver zu bekämpfen. Foto: Joshua Kettle / unsplash

Wenn der Wald bei Jüterbog brennt, weiß man das in Ispra meist zuerst. Ispra ist ein Ort am ­Lago ­Maggiore, im Norden Italiens. Hier, im Joint Research Centre der Europäischen Kommission, ist das Waldbrand-Informationssystem Effis angesiedelt. Das Forschungsprojekt ist seit 2015 angebunden an das EU-­Erdbeobachtungs­programm ­Copernicus und arbeitet mit Daten von Infrarotsensoren spezieller Nasa-­Satelliten, die in gut 800 Kilometer Höhe um den Planeten kreisen und dabei jede thermische Anomalie registrieren, die größer ist als ein Fußballfeld. Wenn irgendwo zwischen Nordkap und Nord­afrika etwas brennt, das nicht brennen sollte, taucht das Feuer in ­Ispra als roter Punkt auf einem Bildschirm auf – manchmal Stunden bevor die erste Sirene vor Ort heult.

Waldbrände verhindern, aber wie?

Wissenschaftsdoku

Samstag, 25.7.
— 21.45 Uhr
bis 31.10. auf arte.tv 

 

Anfang Mai erschien mal wieder so ein Punkt an der Stelle des ehemaligen Truppenübungsplatzes „Altes Lager“ bei Jüterbog, südlich von Berlin. Zunächst markierte es ein Feuer auf nur 2,5 Hektar Fläche. Am nächsten Tag waren es schon 30 Hektar, die schnell zu einem 113 Hektar großen Brand anwuchsen – umgerechnet rund 160 Fußballfelder. Sowohl in Jüterbog als auch in Ispra bangte man, wie groß der Schaden in dem feueranfälligen Kiefernwald wohl diesmal werden würde. Bereits 2023 hatte bei Jüterbog zwei Wochen lang ein kaum zu kontrollierender Waldbrand auf der Fläche von 700 Hektar gewütet. 2025 erlebte dann ganz Europa aufgrund von Dürre und Rekordhitze die schlimmste Waldbrandsaison seit Beginn der Aufzeichnungen – über eine Million Hektar loderten von Portugal bis zur Ägäis. Wie eine ARTE-Dokumentation im August zeigt, arbeiten Politiker und Wissenschaftlerinnen spätestens seitdem unter Hochdruck an neuen Konzepten, um europaweit Waldbrände zu verhindern. Die EU-Kommission reagierte im März mit einem neuen integrierten Ansatz für Waldbrand-­Risikomanagement. ­Copernicus soll aufgerüstet, ­Effis weiterentwickelt und die Früherkennung verfeinert werden. Der Blick von oben, so hofft man, wird dadurch noch präziser. Nur: Was nützt der schärfste Blick, wenn es am Boden am Nötigsten fehlt?

Ein Bericht der Innenministerkonferenz, der sich mit dem Schutz vor Waldbränden befasst, kam 2023 zu einem Befund, der sich liest wie die Mängelliste nach einem gescheiterten TÜV-Termin: Demnach gibt es in Deutschland derzeit zu wenig Ausrüstung und Löschwasserstellen. Auch an Waldbrandschutzwegen mangele es und die Ausbildung von Feuerwehrleuten, heißt es in dem Bericht, beschäftige sich nicht ausreichend mit dem Thema Waldbrand. Verschärft wird die Situation laut Umweltschützern durch unzureichende politische Rahmenbedingungen: So ist man sich zwar parteiübergreifend einig, dass der beste Schutz vor Bränden ein zügiger Waldumbau hin zu klimaresilienteren Mischwäldern wäre. Die von den Grünen angekündigte Gesetzesnovelle zum Bundeswaldgesetz, die den Umbau nach jahrelanger Diskussion verbindlich regeln sollte, scheiterte 2024 am Koalitionsbruch, noch bevor sie das Kabinett erreichte. Und die jetzige Regierung hat vergleichbare Anpassungen des Bundes­wald­gesetzes bislang nicht auf der Prioritätenliste.

Ein Blick auf verkohlte Kiefern
Entzündet: Ein Blick auf verkohlte Kiefern nach einem Feuer in Brandenburg – aufgenommen mit einer Drohne. Foto: picture alliance / dpa-Zentralbild / Patrick Pleul

Ein Drittel der Republik ist mit Wald bedeckt

„Die gute Nachricht: Deutschland ist zu einem Drittel mit Wald bedeckt (11,5 Millionen Hektar); und der Großteil unserer Wälder ist nur in sehr geringem Maße durch Brände gefährdet“, heißt es einleitend in einem aktuellen Report der Umweltschutz-Organisation WWF. Dennoch nehme die Bedrohung der Wälder seit drei Jahrzehnten kontinuierlich zu: Die Entwicklung der jüngsten außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer geht laut WWF aus dem sogenannten Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung deutlich hervor. „In den vergangenen Jahren lässt sich eine Vervielfachung der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius sowie eine Zunahme aufeinanderfolgender Trockentage mit Niederschlägen unter einem Millimeter beobachten“, so die Analyse. Die hohe Verdunstung lasse die Vorräte an Bodenwasser sinken, wobei sie nicht in gleichem Maße durch Niederschlag wieder aufgefüllt würden. Hitze und Trockenheit bilden allerdings nur den Nährboden – die häufigste bekannte Ursache für Waldbrände ist auch in Deutschland menschliches Verhalten. Lediglich 4,2 Prozent der Waldbrände seien natürlichen Ursprungs, und diese erlöschen oft schnell wieder, da etwa Gewitter mit Blitzen meist mit starken Niederschlägen einhergingen, heißt es im WWF-Report.

Aufgrund der global zu beobachtenden Entwicklung spricht Deutschlands führender Waldbrandforscher Johann Georg Goldammer bereits seit Längerem vom menschgemachten „Zeitalter des Feuers“, dem Pyrozän. „Die Trockenzeiten sind Ausdruck der Klimakrise. Wir sind jetzt im zweiten Teil des Pyrozäns, in dem sozusagen der Teil eins, also die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Erde in eine höhere Brennbereitschaft versetzt hat“, sagt Goldammer, der das Global Fire Monitoring Center und die Arbeitsgruppe Feuerökologie am Max-Planck-Institut für Chemie leitet. Das Feuer finde heute mehr „Nahrung“ in Kulturlandschaften. Zusammen mit länger anhaltenden Dürren habe das einen doppelten Effekt auf Wald- und Landschafts-brände. Goldammer betont: „Das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf den Menschen, auf die Siedlungen und auf die Luftqualität.“ Und auf die Frage: Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

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