Ein Aufzug öffnet sich, und dahinter liegt kein Hotelflur, kein Backstage-Bereich, sondern das Universum. Dua Lipa tritt heraus, Rollschuhe an den Füßen, Glitzer auf der Haut – und fährt in ihrem Musikvideo „Levitating“ in eine Disco, die irgendwo zwischen Retro-Erde und Weltraum schwebt. Die britische Sängerin mit kosovarisch-albanischen Wurzeln ist gerade allgegenwärtig – auf Playlists, in Clubs, auf Tiktok. An ihrem futuristischen Dance-Pop mit Disco-Anleihen kommt kaum jemand vorbei. Wie hat sie es in einer Zeit permanenter digitaler Selbstinszenierung geschafft, zur Popikone zu werden?
Für den Clip zu „Levitating“ rief Dua Lipa ihre Fans auf, eigene Ideen einzureichen – für Choreografie, Make-up-Looks und Animationen passend zum Song. In 72 Stunden bewarben sich rund 150.000 Follower. Das Ergebnis: 16 von ihnen wurden ans Filmset nach Los Angeles eingeladen und sind im offiziellen Musikclip zu sehen. Die Kampagne erzeugte Aufmerksamkeit, noch bevor das Video existierte. Das Gefühl der Nähe und Teilhabe ist ebenso wirkungsvoll wie bezeichnend für Lipas Vision von Zugehörigkeit und digitaler Anschlussfähigkeit. Im Unterschied zu vielen anderen Popstars beruht ihre Wirkung nicht auf Skandalen, sondern auf einer Mischung aus Authentizität, Stilbewusstsein und Nahbarkeit.
Ihre Eltern flohen während des Jugoslawienkriegs aus dem Kosovo nach London, wo Dua Lipa 1995 zur Welt kam. Ihr Name, der wie ein Pseudonym klingt, steht tatsächlich so in ihrem Pass. Neben der britischen und albanischen Staatsbürgerschaft verlieh Kosovos Präsidentin Vjosa Osmani der Sängerin am Rande des Sunny Hill Festivals in Pristina 2025 ihre dritte Staatsbürgerschaft und würdigte sie als „eine der ikonischsten Kulturpersönlichkeiten“ des Balkanlands. Das Festival gründete Lipa 2018 mit ihrem Vater, der in der Rockband Oda spielte und später in der Festivalbranche arbeitete. Zudem rief sie eine Stiftung ins Leben, die benachteiligte Gemeinschaften im Kosovo unterstützt. Während sie früher kellnerte, um über die Runden zu kommen, steht sie heute auf der Liste der 40 reichsten Briten unter 40 Jahren und arbeitet mit Künstlern wie Elton John und Madonna zusammen.
Schon als Teenagerin lud Dua Lipa Coversongs mit ihrer unverkennbar tiefen, samtigen Stimme auf den InternetPlattformen Youtube und Soundcloud hoch – aufgenommen in ihrem Schlafzimmer. Als sie 17 Jahre alt war, wurde dann Lana del Reys Manager Ben Mawson über einen Werbespot für die britische Castingshow „X Factor“ auf sie aufmerksam. Wenig später unterzeichnete Lipa ihren ersten Plattenvertrag. Was damals noch niemand ahnte: Mit ihrem Debütalbum „Dua Lipa“ (2017) eroberte die spätere dreifache Grammy-Gewinnerin die Popwelt im Sturm. Ihre virale Empowerment-Hymne „New Rules“ machte sie endgültig global bekannt. Dort, wo andere Künstler laut protestieren oder schweigen, übersetzt Lipa feministische Überzeugungen in Mainstream-Pop – und erreicht damit Millionen. Ihr während der Pandemie veröffentlichtes zweites Album „Future Nostalgia“ (2020) ist eine Hommage an die glitzernde Disco-Ära und brachte Dancefloor-Euphorie ins Wohnzimmer. Über den Titel ihres Albums „Radical Optimism“ (2024) sagt Lipa, er beziehe sich auf „die Idee, anmutig durch das Chaos zu gehen und das Gefühl zu haben, dass man jeden Sturm überstehen kann“. Der leicht psychedelische Popsound erinnert an nächtliche Taxifahrten durch London.
Nicht nur ihre Alben und Liveauftritte passen gut ins hyperaktive Internetzeitalter, auch sonst bietet Dua Lipa konstantes Hype-Potenzial. Mal ist sie Mitgründerin eines Pilates-Start-ups, mal entwickelt sie ihre eigene Skincare-Marke, mal spielt sie im Hollywood-Blockbuster „Barbie“ (2023) – an dessen Soundtrack sie mitschrieb – eine Meerjungfrau. Auch mit der italienischen Designerin Donatella Versace versteht sie sich blendend – und entwarf schon eine Modekollektion mit ihr. Stichwort: wechselseitiges Marketing. Mit ihrer Strahlkraft und knapp 88 Millionen Followern auf Instagram bietet Lipa direkten Zugang zu einer globalen Community.
Von Lifestyle-Newsletter bis Literatur-Podcast
Auch eine digitale Kultur- und Lifestyle-Plattform betreibt die Künstlerin – auf „Service 95“ kann man unter anderem ihre Newsletter abonnieren. Dort gibt sie Minderheiten eine Stimme, schafft Raum für feministische Perspektiven und macht auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam. So gibt es etwa Beiträge, die vom Alltag der Frauen in Kabul berichten oder die erklären, wie man Müll vermeiden kann. Sie gründete sogar einen Buchclub: In ihrem Podcast spricht die kunst- und literaturaffine Trendsetterin, die ein Werk von Jean-Michel Basquiat in ihrem Wohnzimmer hängen hat, regelmäßig mit erfolgreichen Autorinnen und Autoren. Die Times berichtete, dass die Verkäufe von Michelle Zauners „Tränen im Asia-Markt“ in England um 53 Prozent anstiegen, nachdem Lipa den Titel empfohlen hatte. Diesen Herbst kuratiert sie außerdem das London Literature Festival im Southbank Centre, eine der größten Literaturveranstaltungen Europas. Lipas Leidenschaft für das geschriebene und gesprochene Wort habe eine neue Generation von Lesenden inspiriert, so Festivaldirektor Mark Ball. Dabei dürfte ihr radikaler Optimismus von Vorteil sein.






