Zwei Augen mit zwei unterschiedlich großen Pupillen schauen einen unentwegt an. David Bowies (1947–2016) Augen – man denkt erst, sie hätten unterschiedliche Farben, tatsächlich waren seine Pupillen unterschiedlich groß, eine verengt und eine geweitet, als blicke ein Auge ins Licht und eins ins Dunkel, eines in unsere und das andere in eine andere Welt. Oder, wie im Video zu „Life on Mars?“, beide unbeirrt auf den Zuschauer – auf sein vom Bildschirm beleuchtetes Gesicht und das, was darunter liegt.
Phantasmen, natürlich. Am Ende war David Jones sterblich wie wir alle. Der Mann, der sich David Bowie nannte, ist seit fast zehn Jahren tot – doch wir sprechen weiter, erzählen die gleichen Geschichten. Manchmal denkt man: Ist nicht schon alles gesagt, alles geschrieben worden? Vom Starman zu Ziggy zu Lazarus, jeder Moment dokumentiert, ausgewrungen – oder, wie er selbst sang: „For she’s lived it ten times or more“ – und doch hält die Trauer an, die Trauer und die Faszination. Vor seiner ehemaligen Wohnung im Westberliner Stadtteil Schöneberg, der Hauptstraße 155, liegen immer noch jedes Jahr Blumen. Wer weiß dieser Tage schon noch, was Wahrheit ist? Gleich tritt er heraus, mit seinem Kumpel Iggy Pop im Schlepptau, denkt man, um „die Schwulenbars, Bierlokale und Diskotheken Berlins“ zu frequentieren und „das lokale Pilsner-Bier in heldenhaften Mengen“ zu trinken. „Hey babe, let’s stay out tonight.“ Gäste, die schon lange weitergezogen, aber immer noch gegenwärtig sind. Man will sie nicht gehen lassen. Warum? Ist es Nostalgie nach einer Zeit, die man nie erlebt hat? Oder eine Form von vorweggenommener Trauer um eine Zukunft, die nie eingetroffen ist?
Jonathan Stiasnys Dokumentation „Bowie – Der letzte Akt“ widmet sich im Januar den letzten zehn Lebensjahren des Künstlers, aber auch der Geschichte, wie es zu Bowies letztem, ikonischem Werk „Blackstar“ kam, den undankbaren Neunzigern, Fetzen der Siebziger – etwa seinem Auftritt auf dem Glastonbury Festival in den frühen Morgenstunden des Jahres 1971. Es gibt andere Künstler, die ihre Zeit derart sinnbildlich repräsentieren wie Bowie – etwa Kurt Cobain die Neunziger oder Jim Morrison die Sechziger. Trotzdem unterscheidet er sich von ihnen.
Entfremdung und Glamour
The Doors waren eine rohe, verschwitzte Verkörperung der Realität ihrer Zeit. Sie waren Chaos, dionysische Rebellion, die dunkle Unterseite des Summer of Love. Sie zu hören, bedeutet, zurückversetzt zu werden in die psychedelische Verwirrung der späten 1960er. Aber David Bowie war niemals eine Realität. Er war ein Vorschlag. Er hat die 1970er nicht dokumentiert; er bot eine Flucht aus ihnen an. Sein Versprechen war nicht „so sind wir“, sondern „so könnten wir sein“. Er erschuf eine fiktionale, idealisierte Zukunft, in der Identität fließend war, Gender ein Spielplatz und Entfremdung eine Quelle von Glamour statt von Scham. Er sagte jedem Kind in der Einsamkeit seines Schlafzimmers, jedem Menschen, der sich fremd in dieser Welt fühlte, dass eine bessere Zukunft kommen würde. Schmerzt sein Abschied auch so, weil die utopische Zukunft, die er uns versprochen hat, nie eingetreten ist? Die Welt ist nicht zu einer glitzernd-androgynen Landschaft geworden. Stattdessen haben wir Kulturkriege, oft starre Identitätspolitik und algorithmische Konformität. Trauern wir auch um den Verlust einer Zeitachse, die möglich schien, solange -David -Bowie von ihr sang? Sollte der Starman nicht kommen, um uns zu retten?
Bowie war nicht einfach ein weiterer Rockgott, der über Autos und Mädchen singt; er sang von kosmischer Erlösung für die Einsamen und die Seltsamen. Es ging nicht nur um einen Rockstar. Es war ein säkulares Gebet. „To the girl with mousy hair“: die Hoffnung eines Kindes, dass ein weiser, gütiger und unfassbar cooler Erwachsener auftaucht und das Chaos verstehbar macht. Wenn Bowie im Song „Life on Mars?“ die Zeile „look at those caveman go“ singt, ist es verschwörerisch, als sei man mit seinem allerbesten Freund in der Dancehall und würde über die beschissene Welt lästern. Das erste Interview mit David Bowie – zumindest das erste, das man finden kann – fand im November 1964 statt. Ein 17-jähriger, engelsgesichtiger David Jones wurde von der BBC als Sprecher für die „Society for the Prevention of Cruelty to Long-Haired Men“ befragt. In der Sendung steht um ihn eine Gruppe von jungen Männern. Ihre Haare sind – für heutige Verhältnisse – mäßig lang. Der Interviewer ist irritiert, auch neidisch angesichts seines eigenen, erkahlenden Kopfes. Bowie ist hier schon der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber er ist noch nicht die charmante, selbstbewusste Ikone. Er ist charmant, aber er ist auch unbeholfen und sichtlich nervös.
Not sure if you’re a boy or a girl / Hey babe, your hair’s alright
Immer wieder furchtlos ins Neue
Die Dokumentation zeigt auch diesen Bowie über die Jahre. An einer Stelle wird erzählt, wie Bowie minutenlang heulte, nachdem er eine Kritik des Albums „Tin -Machine II“ las, das er 1991 mit seiner bis heute recht unbeliebten Band Tin Machine aufgenommen hatte. Die Kritik endete mit: „Hot tramp! We loved you so. Now sit down, man. You’re a fucking disgrace.“ Spätestens Ende der 1990er galt er als „irrelevant“, ein Has-been, einer, der merkwürdige Musik machte, die keiner hören wollte – aber war es nicht eben der Kern seines Wirkens und Wesens, sich immer wieder furchtlos ins Neue zu stürzen? Die Grausamkeit jener Album-Rezension ist nicht nur eine traurige Anekdote; sie ist der begriffliche Anker zum Verständnis seiner letzten Jahre. Die Welt wollte nicht Bowie, den Künstler; sie wollte Bowie, die Jukebox. Sie wollte, dass er „Heroes“ in Dauerschleife spielt, bis er starb. Die Welt schrie ihn an, er solle sich hinsetzen. Aber das tat er nicht.
Er machte Jungle. Er machte Industrial. Er tourte mit Trent Reznors Band Nine Inch Nails – oft vor einer halb leeren Arena, weil seine alten Fans gegangen waren. Die Neunziger waren kein Misserfolg; sie waren ein Schild. Indem er seltsame Kunst machte, die die Menschen zum Teil hassten, schützte er sich davor, zu einem Nostalgie-Act zu werden. Er opferte seine Popularität, um seine Neugier zu retten.
Auch in Bezug auf das Internet war er erstaunlich weitsichtig. 1998 startete Bowie „Bowienet“, einen der allerersten von einem Künstler betriebenen Internet-Service-Provider. Gegen eine monatliche Gebühr bekam man eine Bowie-E-Mail-Adresse und Zugang zu exklusiven Inhalten. Damals galt das als bizarre, nerdige Spielerei – der alternde Rockstar, der verzweifelt versucht, cyber zu sein. Aber rückblickend war es unglaublich weitsichtig. Er erkannte die Zukunft von Fandom, Gemeinschaft und direkter Verbindung zwischen Publikum und Künstler ein Jahrzehnt vor Myspace oder Soundcloud. Dieser Moment ist ein perfektes Beispiel dafür, dass seine Ideen richtig waren, aber sein Timing für den Mainstream unpassend. Er war seiner Zeit voraus, aber die Welt sah es so, als hinke er hinterher.
Sein finales Werk „Blackstar“ sollte nie sein letztes Album sein. Ursprünglich sollte es bereits im Herbst 2015 erscheinen und wurde nur auf seinen Geburtstag verschoben, Bowie arbeitete bereits an seinem nächsten Album. In einer E-Mail an die befreundete Filmemacherin Floria Sigismondi schrieb er: „Ich kann es nicht aufhalten. Es kommt mit voller Wucht und ich erschaffe und erschaffe und erschaffe einfach weiter.“
Aber „Blackstar“ wurde sein letztes Album. Im Video zum gleichnamigen Song liegt ein mit Schmucksteinen besetzter Schädel in einem Astronautenanzug auf einem fernen Planeten. Ist das Weltall ohne David Bowie noch, was es war? Bowies Weltall war niemals ein physischer Ort. Es war ein inneres, imaginäres Territorium. Heute gehört das Weltall den Technokraten und Milliardären. Es ist die ultimative Gated Community für die Elite. Der Kosmos ist nicht mehr für die Außenseiter gedacht; er ist eine privatisierte Notausgangstür für diejenigen, die die Erde für die Unangepassten unbewohnbar gemacht haben. Er gehört Typen wie Elon Musk, Jeff Bezos und Richard Branson. Sie sind keine Starmen, die uns treffen wollen; sie sind höchstens die Vermieter des Kosmos.
Aber in David Bowies Musik ist das Weltall weiterhin lebendig. „Is there life on Mars?“ Vor wenigen Monaten haben Forscher herausgefunden, dass es tatsächlich Leben auf dem Mars geben könnte. Und wenn es Leben auf dem Mars gibt, stimmt vielleicht auch alles andere, was Bowie versprochen hat. Solange wir keine Erde auf seinen Sarg werfen, bleibt er lebendig, da in der Hauptstraße, draußen in den Bars, an den glitzernden Orten, die zugleich hell und dunkel sind. Singt davon, dass wir genau so, wie wir sind, richtig sind, und wartet darauf, mit uns auszugehen: „You’ve got your mother in a whirl ’cause / She’s not sure if you’re a boy or a girl / Hey babe, your hair’s alright / Hey babe, let’s go out tonight.“ Ja – bleiben wir noch ein wenig draußen.








