Gut und giftig

Glücksbringer, Zauberpilz, Rauschmittel: Der Fliegenpilz ist weit mehr als ein auffälliger Waldbewohner. Einblicke in Wissenschaft, Mythologie und Popkultur.

Illustration eines Fliegenpilzes.
Kein Pilz ist so ikonisch wie der Fliegenpilz. Sein leuchtend roter Hut mit den weißen Punkten ist weltweit als Glückssymbol, Märchenfigur und Giftgewächs bekannt. Warum fasziniert der rätselhafte Pilz bis heute? Illustration: Felix Bork für ARTE Magazin

Kein Pilz ist so ikonisch wie der Fliegenpilz. Sein leuchtend roter Hut mit den weißen Punkten ist weltweit als Glückssymbol, Märchenfigur und Giftgewächs bekannt. Dabei verbirgt sich hinter seinem markanten Erscheinungsbild eine faszinierende Geschichte: Über Jahrtausende spielte er eine Rolle in schamanischen Ritualen. Als Mykorrhiza­pilz lebt er in Symbiose mit Bäumen und ist ein wichtiger Bestandteil vieler Waldökosysteme. Heute rückt er zunehmend in den Fokus der Forschung. Die ARTE-Dokumentation „Der Fliegen­pilz: Zwischen Mythos und Wissenschaft“ porträtiert einen Organismus, der Natur- und Kulturgeschichte gleichermaßen geprägt hat. Vier Perspektiven auf den Amanita muscaria.

Der Fliegenpilz: Zwischen Mythos und Wissenschaft

Wissenschaftsdoku

Donnerstag, 17.9.
— 20.15 Uhr
bis 15.12. auf arte.tv  

Illustration eines Fliegenpilzes als Mykorrhiza­pilz
Illustration: Felix Bork für ARTE Magazin

Unterirdische Win-win-Situation

Der Fliegenpilz ist ein echter Unterweltler: Rund 95 Prozent seiner Biomasse bleiben als mikroskopisch feines Geflecht im Boden verborgen. Dieses Myzel ist der eigentliche, langlebige Organismus. Der sichtbare Fruchtkörper – zunächst ein helles Ei, schließlich der charakeristische weiße Stil mit rotem, weiß geflecktem Hut – dient lediglich für kurze Zeit in den Sommer- und Herbst­monaten der Fortpflanzung. In den Lamellen unter dem Schirm bilden sich Sporen, die millionenfach freigesetzt und durch Wind und Niederschläge verbreitet werden. So auffällig die oberirdischen Teile des Pilzes sind – weitaus faszinierender ist, was sich darunter abspielt. Fliegenpilze gehören zu den Mykorrhiza­pilzen, die in Symbiose mit umstehenden Bäumen, oft Fichten und Birken, leben. Die feinen Zellfäden – Hyphen –, aus denen das Myzel besteht, tauschen Wasser und Mineralstoffe mit dem Wurzelwerk der Bäume aus. Umgekehrt versorgen die den Pilz mit Glucose: Kohlenhydrate, die die Energie zum Leben liefern. Im Detail sind die molekularen Prozesse noch Gegenstand der Forschung – im Labor und in der Natur.

Illustration eines Fliegenpilzes
Illustration: Felix Bork für ARTE Magazin

Märchenhafter Glücksbringer

Der Fliegenpilz – mitunter auch „Märchenprinz“ genannt – regt die Fantasie der Menschen seit Langem an. Ob als rot-weiß gepunkteter Hut, als Behausung kleiner Waldbewohner oder als magische Pforte: In europäischen Erzähl- und Bildtraditionen ist der markante Waldbewohner seit Jahrhunderten präsent. Die germanische Mythologie brachte ihn in Verbindung mit dem obersten Gott Odin und deutete ihn als ein Geschenk des Himmels. Auch in den Sagen der Kelten kommt der Fliegenpilz vor, dort dient er als geheimnisvoller Treffpunkt für die Feenwesen der Sidhe – und galt dementsprechend als Tor zu Traum- und Fantasie­welten. In der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts und in den Märchen der Brüder Grimm wimmelt es ebenfalls von Fliegenpilz-­Symbolik, man denke nur an Rotkäppchens Kapuze. Vielleicht steht der Pilz deswegen bis heute für das Schöne und Unvorhersehbare. Die Gegensätzlichkeit könnte auch erklären, warum er als Glückssymbol überlebt hat: An Silvester und Neujahr werden gern kleine Fliegenpilzfiguren verschenkt, die Glück für das kommende Jahr bringen sollen.

Illustration einer Jurte.
Illustration: Felix Bork für ARTE Magazin

Als Zauberpilz und Heilmittel

Seit jeher machen sich Menschen die Wirkungen des Fliegenpilzes zu eigen. Die Germanen stellten aus ihm heilende Tinkturen und Salben her und nutzten ihn für Trancerituale, um mit der spirituellen Welt in Kontakt zu treten. Infolge der Christianisierung weiter Teile Europas wurden diese naturreligiösen Praktiken dämonisiert; auch die heilende Wirkung des Pilzes geriet in der westlichen Medizin weitgehend in Vergessenheit. In den schamanischen Ritualen indigener Völker Nordeuropas und Asiens hat der Fliegenpilz bis heute einen festen Platz. Die Tschuktschen und Korjaken in Sibirien verehren ihn als beseeltes Wesen und trocknen ihn vor dem Verzehr, um Nebenwirkungen zu verringern. Die Sami in Lappland wählen hierfür einen anderen Weg: Sie trinken den Urin von Rentieren, die Fliegenpilze gefressen haben. Auch im Westen nimmt das Wissen um die Fliegenpilz-­Wirkung wieder zu – der Handel boomt. Um Missbrauch vorzubeugen, hat die Schweiz das Sammeln und die Nutzung der Pilze für den privaten Gebrauch erst kürzlich verboten. Die industrielle und wissenschaftliche Nutzung bleibt jedoch erlaubt.

Illustration eines Fliegenpilzes
Illustration: Felix Bork für ARTE

Berauschende Wirkung

Als die Protagonistin in Lewis Carrolls Klassiker „Alice im Wunderland“ vom großen Pilz kostet, auf dem eine rauchende Raupe sitzt, kann sie ihre Körpergröße wachsen und schrumpfen lassen. Tatsächlich wirken Fliegenpilze psychoaktiv und halluzinogen: Ihre Hauptwirkstoffe sind Ibotensäure (im frischen Pilz) und Muscimol (entsteht beim Trocknen). Ihr Konsum regt die Fabulierfreude an und sorgt für rauschhafte Ekstase, verzerrte Größenwahrnehmung, ein Gefühl von Schwerelosigkeit und eine gestörte Raum- und Zeitwahrnehmung. Während viele Menschen den Fliegenpilz heute für einen tödlichen Giftpilz halten, kam er in Deutschland früher nach besonderer Vorbereitung auch mal in die Pfanne. Zwar ist das Sammeln von Fliegenpilzen im Wald in haushaltsüblichen Mengen hierzulande gestattet. Da es aber durch die schwankende Konzentration der Toxine leicht zu gefährlichen Vergiftungen, Verwirrtheit und Koordinationsstörungen kommen kann, rät das Bundesinstitut für Risikobewertung dringend von ihrem Verzehr ab.

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