Es ist der 17. März 1959 im Bundeshaus zu Bonn. Eine schmale Frau, 32 Jahre alt, tritt ans Mikrofon. Vor ihr sitzen die sogenannten Kriegsblinden, Männer, die in den Weltkriegen ihr Augenlicht verloren haben. Ingeborg Bachmann (1926–1973) hat den Hörspielpreis dieser Jury erhalten, für „Der gute Gott von Manhattan“ (1958). Ihre Dankesrede trägt einen Titel, der sich wie die Kernthese ihres gesamten Schaffens liest: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Eine Kampfansage an alle, die es sich bequem gemacht haben in dem Schweigen, das die Nachkriegsjahre kennzeichnet. Die Dokumentation „Ingeborg Bachmann: 100 Jahre Ingeborg Bachmann“ von Barbara Frank, die ARTE im Juni ausstrahlt, zeigt, dass Bachmanns Wahrheitsbegriff auf das Verdrängte abzielte: die Gewalt in der Sprache, in den Beziehungen, in den Strukturen einer Gesellschaft, die nach 1945 lange so tat, als sei nichts geschehen.

Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Die Dokumentation zeichnet ihren Weg zur international gefeierten Autorin nach – mit Stimmen von Nobelpreisträger Peter Handke, der Bachmann-Expertin Françoise Rétif und Weggefährten. Foto: Herbert List / Magnum Photos / OSTKREUZ Archiv



