Es ist der 17. März 1959 im Bundeshaus zu Bonn. Eine schmale Frau, 32 Jahre alt, tritt ans Mikrofon. Vor ihr sitzen die sogenannten Kriegsblinden, Männer, die in den Weltkriegen ihr Augenlicht verloren haben. Ingeborg Bachmann (1926–1973) hat den Hörspielpreis dieser Jury erhalten, für „Der gute Gott von Manhattan“ (1958). Ihre Dankesrede trägt einen Titel, der sich wie die Kernthese ihres gesamten Schaffens liest: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Eine Kampfansage an alle, die es sich bequem gemacht haben in dem Schweigen, das die Nachkriegsjahre kennzeichnet. Die Dokumentation „Ingeborg Bachmann: 100 Jahre Ingeborg Bachmann“ von Barbara Frank, die ARTE im Juni ausstrahlt, zeigt, dass Bachmanns Wahrheitsbegriff auf das Verdrängte abzielte: die Gewalt in der Sprache, in den Beziehungen, in den Strukturen einer Gesellschaft, die nach 1945 lange so tat, als sei nichts geschehen.
Die Szene im Bundeshaus erzählt zugleich von den damaligen Geschlechterverhältnissen: Eine einzelne Frau spricht vor kriegsversehrten Männern, in einem Haus, in dem 1959 vor allem Männer Politik machten. Bachmann kannte solche Konstellationen. Sieben Jahre zuvor hatte sie bei der Gruppe 47 in Niendorf vorgetragen – so nervös, dass sie beinahe ohnmächtig wurde, und doch so überzeugend, dass sie 1953 den Preis der einflussreichen Literatenrunde erhielt. Ihr Spiegel-Cover von 1954 machte sie zur Ikone – und zur Projektionsfläche. Sie galt als „erste Diva der deutschsprachigen Literatur“: Bachmann lebte ein bohèmehaftes Künstlerleben mit dem Komponisten Hans Werner Henze auf Ischia, war Model in Wien, bewohnte luxuriöse Wohnungen in Rom. Die Autorin und Literaturkritikerin Ina Hartwig hat in der Biografie „Wer war Ingeborg Bachmann?“ (2017) gezeigt, wie sehr dieses Bild in die Irre führte: Hinter dem Glamour stand eine strategisch denkende Intellektuelle, die dort genau hinschaute, wo andere wegschauten – etwa auf strukturelle Gewalt.
Denn auch wenn Bachmann sich nie als Feministin verstand: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau war für sie der Schauplatz, auf dem sich die verdrängten Fragen der Nachkriegsgesellschaft offenbarten. Wer hat die Macht? Wer schweigt? Wer verschwindet? Davon handeln ihre Erzählungen in „Das dreißigste Jahr“ (1961) und „Simultan“ (1972), davon handelt das gesamte „Todesarten“-Projekt. Bachmanns radikale These: Die Gewalt im Privaten ist nicht Abbild der politischen Barbarei, sondern deren Ursprung.
Was sie zu dieser Einsicht trieb, verortet die Literaturwissenschaftlerin Andrea Stoll in ihrer Bachmann-Biografie „Der dunkle Glanz der Freiheit“ (2013) in einem biografischen Schlüsselerlebnis: dem Einmarsch der Hitlertruppen in Klagenfurt im März 1938. „Das Aufkommen meiner ersten Todesangst“, nannte es die Bachmann. Sie war zwölf Jahre alt, ihr Vater Matthias seit 1932 NSDAP-Mitglied. Der Faschismus kam nicht von außen, er saß mit am Frühstückstisch. Diese Erfahrung prägte Bachmanns Werk und vor allem den Roman, den Andrea Stoll im Gespräch mit SWR Kultur als Schlüssel zu ihrem Gesamtwerk bezeichnete: „Malina“ (1971).
Der Faschismus in der Beziehung
„Der Faschismus ist das Erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau“, sagt Bachmann in dem Dokumentarfilm „Ingeborg Bachmann in Italien“ (1973), dem letzten Filmporträt vor ihrem Tod. Diesen Satz könnte man „Malina“ und dem „Todesarten“-Projekt voranstellen, einem unvollendeten Romanzyklus.
In „Malina“ verschwindet eine namenlose Ich-Erzählerin buchstäblich in einem Riss in der Wand – aufgerieben zwischen zwei Männern, die sie auf unterschiedliche Weise zum Schweigen bringen: Ivan durch emotionale Kälte und Gleichgültigkeit gegenüber ihren Bedürfnissen, Malina durch rationale Kontrolle. Im Traumkapitel führt eine Vaterfigur sie auf den „Friedhof der ermordeten Töchter“ und sperrt sie in eine Gaskammer. Der letzte Satz des Romans – „Es war Mord.“ – benennt das scheinbar Private als gesellschaftliches Verbrechen. Im Zeitalter von #MeToo und Femizid-Debatten klingt das erschreckend aktuell.
Die ARTE-Dokumentation zeichnet die Biografie der Schriftstellerin nach – vom Kindheitstrauma über die gescheiterte Beziehung mit Max Frisch in den Jahren 1958 bis 1963, die sie in eine schwere Krise stürzte, bis zum einsamen Schreiben in Rom, wo sie 1973 mit nur 47 Jahren an den Folgen eines bis heute ungeklärten Brandunfalls starb. Doch Bachmanns Vermächtnis bleibt: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Statt als Kampfansage ließe sich dieser Satz auch als Ermutigung verstehen.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar





