Es regnet Papier im Guggenheim. Wie Schneeflocken rieseln weiße Schnipsel von den Emporen des New Yorker Museums, und im ersten Moment könnte man das für Kunst halten. Doch schaut man genauer hin, wird klar: Die Papierstreifen sehen aus wie Rezepte für Oxycontin – jenes Schmerzmittel, das in den Vereinigten Staaten als Mitauslöser der Opioidkrise gilt. Unter die Museumsgänger, die sich die Gemälde der schwedischen Malerin Hilma af Klint ansehen, haben sich Protestierende gemischt. Transparente werden ausgerollt, schon beginnen die Sprechchöre: „Die Sacklers lügen, Tausende sterben!“ Nach kurzer Verwirrung stimmen Besucher in die Rufe mit ein.
Organisiert hat die Aktion die Fotografin Nan Goldin. Auch ihre Arbeiten hängen in den großen Museen der Welt, berühmt wurde sie in den frühen 1980er Jahren mit Aufnahmen der New Yorker Subkultur. Nun hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Pharma-Dynastie Sackler zur Rechenschaft zu ziehen. Deren Firma Purdue hat das Opiod-Präparat Oxycontin auf den Markt gebracht, die Pillen aggressiv beworben und wider besseres Wissen als harmloses Medikament ausgegeben. Hunderttausende Suchtkranke und Tote sind die Folge. Fast wäre Goldin, die nach einer Verletzung abhängig wurde, eine von ihnen gewesen. Entsprechend persönlich ist ihr Einsatz.
Davon erzählt der Dokumentarfilm „All die Schönheit und das Blutvergießen“, den ARTE im März zeigt und der 2022 bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Gedreht hat ihn die Oscar-Preisträgerin Laura Poitras. Die Regisseurin begleitet Goldin und ihre Organisation P.A.I.N., kurz für Prescription Addiction Intervention Now. Das Ziel der Gruppe: den Sacklers, in der Kunstwelt als generöse Großspender bekannt, ihren kulturellen Einfluss zu entziehen. Und Museen wie den Louvre oder das Met dazu zu bringen, die Gelder der Familie abzuweisen, nach der sie zuvor ganze Flügel benannt haben.
Wie wird eine Künstlerin, als deren Markenzeichen stets ein ramponierter Glamour galt, zur Aktivistin? Ohne Frage ist Goldin früh eine Archivarin der Außenseiter gewesen. Sie hat ihren Freundeskreis aus Künstlern, Dragqueens und Kneipengängern fotografiert; die Party und den Kater danach. Zugleich besaß ihre Arbeit etwas Politisches. Als die Aids-Krise Ende der 1980er Jahre ihren Höhepunkt erreichte und viele um sie herum erkrankten, kuratierte Goldin eine Ausstellung, die die Untätigkeit der US-Regierung anprangerte. Sie habe eine Aversion gegen das Unter-den-Teppich-Kehren, so hat sie ihre Philosophie einmal beschrieben. Dementsprechend distanzlos ist ihre Kunst. Zu den bekanntesten Bildern zählt eines, das Goldin mit zerschlagenem Gesicht und blutunterlaufenen Augen zeigt, nachdem ein Partner sie brutal verprügelt hat.
Ich habe eine Aversion gegen das Unter-den-Teppich-Kehren
Körnig und unscharf
Man könnte also meinen, schon viel Intimes aus dem Leben dieser Fotografin gesehen zu haben. Gerade darum ist bemerkenswert, wie gewaltig und berührend der Film „All die Schönheit und das Blutvergießen“ ist, der die Erzählung von Goldins Engagement mit ihrer Biografie verbindet. Diese Vita verwinkelt zu nennen, wäre eine Untertreibung. Trauma, große Freiheit, Gewalt – alles das findet man hier.
Geboren 1953 in Washington, D. C., wuchs Goldin in einer gutbürgerlichen jüdischen Familie auf. Zu den wohl prägendsten Ereignissen gehörte der Tod ihrer älteren Schwester Barbara, die als 18-Jährige Selbstmord beging. Jahrelang war sie von den Eltern in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen worden – offenbar grundlos, wie Poitras’ Film zeigt. Goldin selbst verließ mit 14 ihr Zuhause, fand in einer Hippie-Schule Gleichgesinnte. Dort bekam sie ihre erste Kamera. Das Fotografieren wurde zum Selbstzweck: „Plötzlich hatte ich eine Persönlichkeit. Einen Grund, da zu sein.“
Die Kamera verlieh mir eine Persönlichkeit
In Boston hielt sie Anfang der 1970er ihre Freundschaft mit Transgender-Künstlerinnen fest, später zog sie in die New Yorker Bowery, wo sich die Szene in schäbigen Lofts und Kneipen traf. Was dort vor sich ging, knipste sie. Die Bilder zeigten Menschen, die feiern, leiden, Monopoly spielen. Goldin wurde abhängig von Heroin. Dass sie später den Kampf gegen das Opioidproblem zu ihrem Antrieb gemacht hat, dürfte aber auch damit zu tun haben, dass sie die Aids-Epidemie aus nächster Nähe erlebte. Einige ihrer Freunde fotografierte sie noch im Sterben. Nicht nur deswegen warfen ihr Kritiker die Romantisierung von Elend vor. Körnig und mitunter unscharf standen die Bilder im Gegensatz zum gut ausgeleuchteten Schwarz-Weiß-Look der Zeit. Die Selbstdarstellung, der scheinbar spontane Schnappschuss: Inzwischen ist die Ästhetik allgegenwärtig.
Und längst stehen die USA vor einer neuen Gesundheitskrise. Deren Ausmaß ist riesig, denn auf Rezept ausgegebene Opioide haben ganze Gemeinden zerstört. Goldin selbst bekam Oxycontin nach einer Operation am Handgelenk in Berlin verordnet. Damals, 2014, gehörte sie längst zu den renommiertesten Fotografinnen der Gegenwart. Die Wirkung des Medikaments war unmittelbar, so beschrieb sie es im Magazin Art Forum: „Obwohl ich es wie vorgeschrieben einnahm, wurde ich über Nacht abhängig.“ Erst Jahre später schaffte sie den Absprung. Selbst die Omnipräsenz des Internets hatte sie in der Zwischenzeit verpasst, erzählte sie später.
Nach und nach fallen gelassen
Persönlich sind die Sacklers, die mit dem Präparat Milliarden verdienten, nie strafrechtlich belangt worden. Fast ein bisschen märchenhaft wirkt es da, dass Goldin und ihre Mitstreiter zumindest auf dem Parkett des Kulturbetriebs einen Sieg davontrugen. Er glich einem Dominoeffekt: Nach und nach ließen die Institutionen die Mäzenatenfamilie fallen. Die Tate in London wies eine Millionenspende zurück, der Louvre montierte den berühmten Namen ab. Andere Museen folgten.
Und Nan Goldin? Sie ist jetzt so präsent wie lange nicht. Ab März macht die sehenswerte Ausstellung „This Will Not End Well“ im Pariser Grand Palais Station, in London hat die Gagosian Gallery die „Ballad of Sexual Dependency“ im Programm – jene Serie, die Goldin in den 1980er Jahren zum Durchbruch verhalf. Deren oft explizite Motive dürften heute kaum noch jemanden aufregen. Für Schlagzeilen sorgt die 72-Jährige nun mit politischen Bekundungen. Ob der Erfolg im Fall Sackler sie ermuntert hat, sich auch auf anderen Feldern von Aktivismus zu betätigen? Gerade zum Krieg in Gaza hat sich Goldin immer wieder lautstark geäußert. Sie rief zum Protest gegen Israel auf, etwa bei der Berliner Eröffnung von „This Will Not End Well“ in der Neuen Nationalgalerie, die zum Eklat geriet. In ihrer Rede verglich Goldin das Vorgehen der israelischen Armee mit historischen Pogromen und beklagte, in Deutschland nicht frei sprechen zu können, ohne natürlich am Sprechen gehindert zu werden. Eine Gegenrede des Museumsdirektors wurde dagegen von pro-palästinensischen Demonstranten niedergeschrien, auch mit Intifada-Rufen. Im Anschluss herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Sie war Ausdruck einer Situation, im Kulturbetrieb und anderswo, die verkämpfter kaum sein könnte.
Vielleicht sieht sich Goldin nun in erster Linie in der Rolle der Kämpferin. Sie fotografiert nur noch selten. Manchmal macht sie Aufnahmen vom Himmel: in Pink, Nachtblau oder aus dem Flugzeugfenster. Der Horizont sei die beste Kunst, so hat sie die Wahl einmal erklärt. Schließlich mache er einem die Größe der Welt bewusst. Und zumindest das könnte doch etwas sein, worauf sich alle einigen können.










