Charlotte Link sitzt an ihrem Schreibtisch vor einem deckenhohen Bücherregal, als sie sich per Videocall zuschaltet. Im Hintergrund bellt einer ihrer fünf Hunde, die sie aus sogenannten Perreras in Süd- und Osteuropa gerettet hat – Tötungsstationen für herrenlose Tiere. Gerade korrigiert die Autorin die Druckfahnen ihres neuen Thrillers „Kalte Tage“ aus der Kate-Linville-Reihe, der in einem eisigen Winter im englischen Küstenort Scarborough spielt. Kein leichtes Unterfangen bei über 40 Grad Außentemperatur. Charlotte Link zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands: Allein hierzulande hat sie bislang über 34 Millionen Bücher verkauft. Im Rahmen der Reihe „Queens of Crime“ widmet ARTE ihr im August ein Porträt. Wie kommt sie immer wieder auf neue Ideen für ihre Romane? Und was erzählen ihre psychologisch dichten Krimis und Thriller über unsere Gegenwart? Ein Gespräch.
ARTE Magazin Frau Link, Sie haben gerade Ihr aktuelles Buch „Kalte Tage“ beendet. Spuken Ihnen die Figuren und die Geschichte noch im Kopf herum?
Charlotte Link Momentan stecke ich noch mitten im Buch, da ich an den letzten Korrekturen sitze. Aber auch generell brauche ich immer eine gewisse Zeit, um wieder Abstand zu gewinnen, vor allem, da ich in den letzten Wochen des Schreibprozesses ganz im Text aufgehe, mich völlig zurückziehe. Da werde ich schon zu einem eher unsozialen Menschen, weil ich mich ganz darauf konzentrieren muss, alle dramaturgischen Fäden zusammenzuführen: von der Polizeiarbeit bis zu den Geschichten meiner Figuren, die zu diesem Zeitpunkt längst ein Eigenleben entwickelt haben und für mich sehr lebendig sind.
ARTE Magazin In dem Roman geht es um eine junge Frau, die sich über eine Dating-App mit einem Fremden verabredet und dann verschwindet. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?
Charlotte Link Ein Ausgangspunkt für diesen neuen Fall der Ermittlerin Kate Linville waren für mich die schönen Welten, die viele von uns nach außen demonstrieren möchten, etwa über Instagram und Facebook. Dort zeigt man das tolle Haus, den Garten, die gut geratenen Kinder. Der Mensch, um den es in diesem Fall geht, ist jemand, der genau davon getriggert wird – und von dem quälenden Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Der Roman zeigt den enormen Vergleichsdruck, der auf vielen Menschen lastet und der durch die sozialen Medien und Dating-Apps noch verstärkt wird. Gerade für labile Persönlichkeiten kann ein permanenter Vergleich mit anderen sehr gefährlich werden.
ARTE Magazin Ihre Krimis handeln zwar von Verbrechen, erzählen aber immer auch von Einsamkeit, sozialer Ungleichheit oder von familiären Konflikten.
Charlotte Link Das stimmt. Mir geht es in erster Linie nicht um Gruseleffekte. Deshalb wird man bei mir selten allzu intensive Beschreibungen blutiger Schauplätze finden. Ein Mord ist nur der Anfang oder ein Teil einer Geschichte. Den anderen Teil versuche ich dann zu beleuchten. Mich interessiert am Verbrechen neben der Tat vor allem das, was ihr vorausgeht: Warum ist ein Mensch zu so etwas fähig? Man wird in den allermeisten Fällen ja nicht als Krimineller geboren, sondern bestimmte Lebensumstände und die Art, wie man darauf reagiert, können zu einer Kurzschlusshandlung oder auch zu einer geplanten Tat führen. Und das hat oft mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun.
ARTE Magazin Seit Ihrem Debüt 1985 haben Sie mehr als 30 Bücher veröffentlicht – manche um die 600 Seiten stark. Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Geschichten?
Charlotte Link Sehr häufig aus Begegnungen mit anderen Menschen. Manchmal genügt ein Gesicht, ein Gespräch, ein besonderer Blick oder eine Situation, die ich zufällig miterlebe. Ich denke über jemanden nach, den ich beobachtet habe, frage mich, welche Geschichte er hat oder wozu er fähig sein könnte. Daraus kann sich dann ein neuer Fall entwickeln. Ich liebe es deshalb, mit der S- oder U-Bahn zu fahren.
ARTE Magazin Ich würde behaupten, dass Sie damit eher zu einer Minderheit zählen …
Charlotte Link (lacht) Das stimmt wahrscheinlich. Bei mir hat es eine eindeutig professionelle Komponente, ich kann die Menschen dort endlos studieren. Für mich ist das einfach ein wunderbarer Ort zum Beobachten.
ARTE Magazin Halten Sie beim Schreiben bestimmte Routinen ein?
Charlotte Link Ja, ich habe einen festen Arbeitsrhythmus. Morgens gehe ich mit den Hunden raus, erledige das Nötigste und beginne dann gegen acht Uhr zu arbeiten. Manchmal gibt es herrliche Tage, an denen ich mein Pensum von zwei Computerseiten schon bis zum Mittag geschafft habe. An anderen ringe ich deutlich länger mit den Sätzen. Disziplin gehört zu dieser Arbeit einfach dazu.
ARTE Magazin Wie baut man über 600 Seiten Spannung auf?
Charlotte Link Bei einem Krimi muss die Dramaturgie von der ersten bis zur letzten Seite funktionieren. Die Leserinnen und Leser dürfen nicht nach der Hälfte des Buches denken: Jetzt interessiert mich gar nicht mehr, wer der Täter ist. Man muss Spuren legen, Hinweise geben und sie später wieder verwischen. Am schwierigsten ist tatsächlich das Ende – der Showdown. Es gibt kaum etwas Enttäuschenderes als einen Krimi mit einem schwachen Schluss. Beim Schreiben arbeite ich mit vielen verschiedenen Bausteinen: von der realistischen Polizeiarbeit bis zu der sorgfältigen Gewichtung der einzelnen Figuren. Ich lasse mich von ihrer Entwicklung leiten, muss dabei aber immer auch den roten Faden der Handlung im Blick behalten. Im Grunde ist das wie das Zusammensetzen eines großen Puzzles.
ARTE Magazin Ihre Täter wirken nur selten monströs, sondern oft erschreckend unscheinbar. Wie gelingt es Ihnen, sich solchen Figuren wirklich anzunähern?
Charlotte Link Ich versuche, meine Figuren nicht zu verurteilen, sondern sie zu verstehen. Das bedeutet nicht, ihre Taten zu entschuldigen, aber ich möchte nachvollziehen, wie es dazu kommt. Ich glaube, dass wir alle viele unterschiedliche Möglichkeiten in uns tragen, was aus uns hätte werden können, wenn die Umstände anders gewesen wären. Ich habe einige Psychologen in meinem Umfeld, mit denen ich darüber spreche, aber vor allem grabe ich tief in meinem Inneren und fühle mich in die Personen ein.
ARTE Magazin Empfinden Sie die Recherche zu diesen Themen manchmal auch als belastend?
Charlotte Link Nein. Beim Schreiben und Recherchieren betrachte ich vieles mit einem analytischen Blick. Privat ist das interessanterweise ganz anders: Ich kann zum Beispiel nur sehr schwer etwas über brutale Verbrechen lesen. Das ertrage ich deutlich schlechter, als man es erwarten könnte.
ARTE Magazin Ganz zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie mit „Cromwells Traum oder Die schöne Helena“ einen historischen Roman vorgelegt, der im England des 17. Jahrhunderts zur Zeit Oliver Cromwells spielt. Wie kam es dazu, dass Sie bereits als 19-Jährige ein solches Buch geschrieben und veröffentlicht haben?
Charlotte Link Ich habe immer schon wahnsinnig viel gelesen. Irgendwann wurde es so viel, dass meine Eltern manchmal fragten, ob ich nicht auch einmal etwas anderes machen wolle – heute würden sich die meisten Eltern wohl eher freuen. Mit 16 kam mir dann eher beiläufig der Gedanke, selbst einmal einen Roman zu schreiben. Geschichte und England haben mich schon immer fasziniert, deshalb habe ich mich für diesen Stoff entschieden. Kennen Sie noch diese mechanischen Schreibmaschinen? Darauf habe ich damals geschrieben. Das Manuskript umfasste mehrere Hundert Seiten, und jeder Tippfehler musste mühsam mit Tipp-Ex korrigiert werden. Wenn ich heute daran denke, wie aufwendig das war, bin ich über den Computer mehr als dankbar. Über drei Jahre hinweg recherchierte und schrieb ich, bis schließlich ein Manuskript von 800 Seiten entstanden war.
ARTE Magazin Und dieses Manuskript haben Sie dann gleich im ersten Versuch beim renommierten Rowohlt Verlag untergebracht.
Charlotte Link Ja! Dabei hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass sich niemand das Manuskript überhaupt ansehen würde. Ich hatte in meinem Anschreiben erwähnt, dass ich gerade mein Abitur gemacht hatte. Allein diese Fleißleistung einer Schülerin fanden sie dort wohl interessant. Nach zwei Wochen kam die Zusage für den Verlagsvertrag.
ARTE Magazin Als Ihr Debüt erschien, waren Sie also sehr jung. Sieht man sich alte Talkshows aus dieser Zeit an, merkt man, dass Sie nicht immer ernst genommen wurden. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Charlotte Link Das war nicht immer einfach. Wenn man sehr jung bereits in einem Beruf ist, in dem man eher Ältere vermutet, ist jeder nur darauf aus, einem zu beweisen, dass man eigentlich nichts zu melden hat. Vor allem von anderen Frauen musste ich mir einige bissige Bemerkungen anhören. Mit der Zeit habe ich mir meinen Platz in der Branche erarbeitet. Heute erlebe ich so etwas glücklicherweise nicht mehr.
ARTE Magazin Bei aller Produktivität – kennen Sie Schreibblockaden?
Charlotte Link Natürlich gibt es solche Phasen, in denen nichts vorangeht und ich beim Schreiben feststecke. Dann lege ich das Manuskript beiseite und gehe zum Beispiel mit meinen Hunden spazieren. Die Zeit mit den Hunden erdet mich, oft kommen mir gerade draußen die besten Ideen und ich finde die Lösung, indem ich das Grübeln zur Seite packe. Meine fünf Hunde stammen übrigens alle aus den grausamen Tötungsstationen in Süd- und Osteuropa. Der Tierschutz ist mein Herzensanliegen. Besonders schrecklich: die grauenvollen Verbrechen in der Fleischindustrie und in der Massentierhaltung. Der lebensverachtende Umgang mit den sogenannten Nutztieren stellt in meinen Augen das erste Aufweichen der Hemmschwelle dar, die wir dringend brauchen würden, um Krieg und Gewalt in der Welt vielleicht irgendwann zu reduzieren.
Zur Person
Charlotte Link, Schriftstellerin
Die 1963 in Frankfurt am Main geborene Bestsellerautorin wurde durch Gesellschaftsromane und psychologische Thriller bekannt, die häufig in England spielen.






